Die CSD Saison neigt sich dem Ende und dennoch scheinen einige Autoren noch immer nicht verstanden zu haben, dass der „Christopher Street Day” nichts mit der Zurschaustellung sexueller Interessen, Vorlieben und Minderheiten zu tun hat. Die zahlreichen Veranstaltungen erinnern an den Vorfall in der New Yorker Christopher Street im Sommer 1969, nach dem Homosexuelle erstmals gegen die vorherrschende Polizeiwillkür demonstriert haben und für ihre Rechte gekämpft haben. Seither gehen Jahr für Jahr Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender auf die Straße und demonstrieren für Anerkennung, Gleichberechtigung und Toleranz – nicht aber für sexuelle Praktiken oder gar „Nöte”.
In einem Bericht der Frankfurter Sonntagszeitung dagegen, wird der CSD Hamburg allerdings nicht als politische Veranstaltung verstanden, sondern vielmehr als „Aufführung der eigenen sexuellen Nöte” der teilnehmenden Homosexuellen. Eine unzutreffende Wortwahl findet nicht nur MdB Michael Kauch (FDP): „Noch immer existiert die gesellschaftliche und rechtliche Diskriminierung gegenüber Schwulen und Lesben. Allein die Formulierung zeigt bereits, wie notwendig Veranstaltungen wie CSDs sind.” Ina Steinbach, Pressesprecherin von Hamburg Pride e.V., kann die gewählte Formulierung ebenfalls nicht nachvollziehen: „Gerade in Hamburg ist der CSD weit mehr als nur eine große Party. Hamburg ist eine politische Veranstaltung, die sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzt. So muss zum Beispiel jede teilnehmende Gruppe und jeder Wagen mit einer klaren politischen Botschaft gekennzeichnet sein.”
Kauch – selbst schwul – lebt in einer eingetragenen Partnerschaft. Sein Engagement für die Rechte von Homosexuellen geht daher weit über sein berufliches Interesse hinaus. Als Mitglied des Bundestages ist er nicht nur zur Vermittlung politischer Botschaften auf den Großveranstaltungen in Berlin, Hamburg und Köln vertreten: „Auch die kleinen CSDs haben die Präsenz von Politik und Prominenz verdient. Ich selbst war dieses Jahr unter anderem in Saarbrücken dabei. Aber auch in Dortmund – meiner Heimat – gefällt mir das Straßenfest jedes Jahr aufs Neue!”, so Kauch. Besonders wichtig ist Michael Kauch aber, dass sich Lesben und Schwule, Bisexuelle und Transgender auf den Veranstaltungen nicht zur Schau stellen: „Die Aussage, auf dem CSD würden “sexuelle Nöte” dargestellt, ist nicht nur eine Verunglimpfung und Herabsetzung der Persönlichkeit der Schwulen und Lesben in der Parade, sondern auch inakzeptabel gegenüber den vielen heterosexuellen Bürgern, die die Parade-Ziele mit ihrer Anwesenheit unterstützt haben.”
Dass ein Christopher Street Day in den Medien dennoch meist nur einseitig verstanden wird, hängt nicht zu letzt von den Journalisten selbst ab. Fotografiert und interviewt werden vornehmlich schrill kostümierte Drag-Queens , knapp bekleidete Jünglinge oder SM-Liebhaber – dass es dabei um die Vielschichtigkeit der Szene und nicht um die Darstellung sexueller Phantasien – oder „Nöte” – geht, wird dabei stets unterschlagen.