„Älter werden“? Gerade in der schwulen Community oft ein rotes Tuch. Wer will das auch schon… Einen anderen Dreh bekommt das Ganze allerdings, wenn jemand mit seinem sicheren und frühen Tod rechnete und dann doch weiter leben kann.
So wie IWWIT Rollenmodell Wolfgang. Er infizierte sich 1987 mit HIV. Wirklich wirksame Medikamente waren noch nicht auf dem Markt. Älter werden? War für ihn damals kein Thema, denn „ich habe damals nicht damit gerechnet, jemals alt zu werden.“ Zu sicher schien ihm, dass er bald an AIDS sterben würde, so wie sein damaliger Partner.
Doch es kam anders und auch seine Meinungen zum Älter werden und zum Umgang mit HIV haben sich bei ihm geändert…
Wolfgang (64) ist seit 25 Jahren HIV-positiv. Zunächst verdrängte er seine Infektion. Nach dem Tod seines Partners 1995 bekam er aber schwere HIV-bedingte Gesundheitsprobleme. Sein Glück: Damals waren gerade die ersten wirksamen HIV-Kombinationstherapien auf den Markt gekommen. Schon nach einem halben Jahr Behandlung konnte er wieder arbeiten.
Heute engagiert sich Wolfgang, der vor einigen Jahren in Rente ging, ehrenamtlich beim schwulen Infoladen Hein & Fiete und als Schoolworker bei der AIDS-Hilfe Hamburg. Zuvor arbeitete er in der Krankenpflege.
Mit seinem Motto „Mach das Beste draus“ will er auch anderen Mut machen, die HIV-Erkrankung zu akzeptieren, sich aber nicht von ihr bestimmen zu lassen.
Das ganze Interview:
Wolfgang, du hast dich vor etwa 25 Jahren mit HIV infiziert. Hast du damals gedacht, dass du 60 wirst?
Nein, ich habe damals nicht damit gerechnet, jemals alt zu werden. Damals, 1987, gab es noch keine richtigen Medikamente oder wirksamen Therapien. Ich habe damals gedacht: „Lebe weiter wie bisher und versuche, so weit wie möglich zu kommen.“ Ich habe das Virus komplett ignoriert und für mich verdrängt. Bis es mich dann 1995 erwischt hat und ich zum ersten Mal erhebliche gesundheitliche Probleme bekam. Ich hatte aber Glück im Unglück, denn es gab damals erstmals wirklich wirksame und getestete Medikamente. Damit habe ich den Sprung ins Überleben geschafft. Ich denke, sonst hätte ich mich damals aus dem Leben verabschieden müssen. So, wie es meinem Partner kurz vorher ergangen war.
Was bedeutet für dich „alt werden“?
Früher habe ich von mir gesagt, mit 40 bist du alt. Dann habe ich die 50 einfach so weggesteckt. Mit der 60 habe ich dann aber wirklich ein wenig Probleme gehabt. Aber das liegt jetzt ja auch schon wieder ein Weilchen hinter mir.
Warum war es bei der 60 anders?
Es war einfach die Zahl, die mir Angst machte. Ich war immer neugierig und unterwegs, aber dann war da die Zahl 60, und ich dachte, jetzt gehöre ich zum alten Eisen. Letztendlich sind meine Freunde aber wie immer mit mir umgegangen, wie vor der Zahl 60. Und damit war das Problem dann auch schnell für mich erledigt. Jetzt schau ich einfach mal, wie weit ich noch komme. Irgendwann zieht der alte Mann da oben den Stecker raus, und dann ist es auch gut.
Haben dich früher andere Dinge beschäftigt als heute?
Ich glaube, nicht wirklich. Ich bin immer irgendwie meinen Weg gegangen. Ich war zwar früher eher ein Heißsporn und habe einfach drauf los gewerkelt. Heute schaue ich erst einmal, überlege und werkele dann. Ich glaube, der Unterschied zu früher ist nicht sehr groß, auch wenn ich heute vieles gelassener angehe. Ich sage mir einfach: Du hast den größten Teil des Weges geschafft, dann schaffst du auch noch den Rest.
Du bist seit einigen Jahren in Rente. War das eine schwierige Umstellung für dich?
Als ich in Rente ging, musste ich mir erst einmal etwas suchen, was ich machen kann und was mich interessiert. Ich habe mich dann ehrenamtlich engagiert, zunächst als Fahrer bei der Hamburger Tafel. Als HIV-Positiver wollte ich aber auch noch etwas in der HIVPrävention machen. Ich suchte mir dann zusätzlich den schwulen Infoladen Hein & Fiete aus und arbeite dort noch immer mit. Später bewarb ich mich auch noch bei der AIDS-Hilfe in Hamburg. Mir wurde die Mitarbeit bei den Schoolworkern angeboten. Ich schaute mir die Broschüre an, aber dort stand „für junge Leute bis 30“. Da habe ich freundlich angemerkt, dass ich ja schon etwas älter sei – ich war damals gerade 60 geworden. Die Antwort lautete aber: „Ja, ja, das schaffst du schon.“ Wir haben das dann ausprobiert, und es klappte auf Anhieb. Die Einsätze als Schoolworker sind immer wieder interessant und geben auch mir einiges.
Also war es dann doch kein Problem, dass du deutlich älter als 30 warst?
Die dachten wohl, man müsse ungefähr im selben Alter sein wie die Jugendlichen. Damit man auf gleicher Augenhöhe ist und ihnen was erzählen kann. Aber es hat halt nichts mit dem Alter zu tun. Heute steht das mit den 30 Jahren übrigens nicht mehr in der Broschüre. Na ja, und seit 2008 bin ich auch bei ICH WEISS WAS ICH TU. Zunächst als Präventionist und jetzt auch als Rollenmodell. Durch meine Ehrenämter bin ich sehr viel unterwegs und gut beschäftigt. Langweilig wird mir eigentlich nie.
Man sagt ja von der schwulen Szene, sie sei sehr jugendfixiert und oberflächlich. War das früher anders?
Ich denke, das war schon immer so. Vielleicht war es früher familiärer. Wenn sogenanntes Frischfleisch kam, wurde es erst mal freundlich in die Szene aufgenommen. Heute ist das alles distanzierter. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass Homosexualität früher verboten war. Da musste man schon etwas näher zusammenrücken. Das hat zusammengeschweißt. Man hat mehr aufeinander geachtet. Heute ist es wesentlich offener. Es gibt Möglichkeiten, auszugehen, anzubandeln und Sex zu haben. Früher spielte sich das ja fast wie in einem Ghetto ab. Heute kann man als Schwuler fast überall hingehen, und es ist okay.
Was ist für dich ein selbstbewusster Umgang mit dem Älterwerden?
Ich würde sagen, dass ich mir nie etwas aus dem Alter gemacht habe, sondern mich immer so gebe, wie ich bin. Ich habe auch nie versucht, jünger zu wirken. Viele versuchen das ja, indem sie sich mit Jüngeren umgeben, und hoffen, dadurch dazuzugehören und selber jung zu sein. Sie stylen sich manchmal auch entsprechend auf und merken nicht, wie albern sie damit wirken. Ich finde, man wird halt älter und muss das auch so akzeptieren. Ich gebe mir immer Mühe, das Beste daraus zu machen. Natürlich versuche ich mich fit zu halten. Ich habe schon immer viel Sport getrieben und schwimme auch heute noch jeden Tag meine Runden.
Wir sprechen viel über das Älterwerden und Jung- und Altsein. Aber was ist für dich eigentlich alt?
Für mich gibt es den Begriff alt nicht wirklich. Irgendwann merke ich wahrscheinlich, dass ich mich nicht mehr bewegen kann oder dass es mir geht wie meiner 94-jährigen Mutter, die geistig langsam abbaut. Vielleicht muss ich mir dann eingestehen, dass ich alt bin. Noch bin ich einfach nur länger jung
Hast du Angst davor, später vielleicht mal auf Hilfe und Pflege angewiesen zu sein?
Nein, Angst habe ich nicht davor. Ich habe für mich geplant, wo ich dann hingehen will, und habe das geregelt. Außerdem habe ich für mich eine Patientenverfügung gemacht. Und ich habe ein soziales Umfeld, das auf mich aufpasst. Vielleicht sagen die dann irgendwann: „So, Wolfgang, jetzt ist es soweit – wir gehen nach Kiel zur Körperverbrennungsanlage!“ (lacht)
Und wenn du doch länger auf Pflege angewiesen sein solltest?
Also, wenn es so kommt, hoffe ich, dass mein soziales Umfeld noch ausreicht, dass ich mich zu Hause von dieser Welt verabschieden kann. Oder ansonsten in ein Hospiz gehen kann.
Ist es also wichtig, sich im Alter ein soziales Netz zu knüpfen, in das man sich dann auch fallen lassen kann?
Ich glaube, dieses Netz kann man im Alter nicht mehr knüpfen, man muss es ins Alter mitnehmen. Man wird gemeinsam älter, und damit hat man dann auch das Netz. Das später noch aufzubauen, ist ganz schwer. Man wird eigenwilliger, vielleicht auch eingeschränkter als früher. Da ist es oftmals schwer, offen für anderes zu bleiben. Wenn man das soziale Umfeld nicht mit ins Alter nimmt, wird’s schwer …
In zehn Jahren bist du 74. Wie siehst du dich dann?
Ich hoffe, noch da, wo ich jetzt bin: Jeden Morgen wie ein junger Hüpfer schwimmen gehen. Jedes Wochenende woanders sein, auch für ICH WEISS WAS ICH TU. Ich kann und möchte nicht zu Hause rumgammeln. Ich könnte mich sicherlich beschäftigen. Ich bin aber viel lieber draußen unterwegs. Und wenn es klappt, wird es auch noch lange so bleiben.
Du hast dich 1987 mit HIV infiziert. Spielt die Infektion eine große Rolle bei deinem Älterwerden?
Nein, eigentlich nicht. Ich werde mit dem Virus älter, ja. Damit hätte ich nie gerechnet. Ich mache das Virus aber nicht zu meinem Lebensmittelpunkt. Ich nehme es mit, werde es ja nicht los. Und somit wird es mitgeschleppt und ist Teil von mir. Es muss halt eben so alt werden wie ich. Es kann sich ja nicht trennen von mir. Ich sage ihm einfach: „Wenn du schon da bist, dann sieh zu, wie du mit mir klarkommst.“ Da bin ich dann stur, da kommt der Altersstarrsinn durch … (lacht)
Das hört sich ja fast schon wie in einer Beziehung an …
Ja, das stimmt. Und mal ist das Virus stärker, mal bin ich stärker. Es ist jetzt die Situation, wo vielleicht Resistenzen gegen bestimmte Medikamente bei mir da sind. Da hat das Virus gerade den Kopf oben. Mein Arzt und ich sehen uns gerade die Laborwerte an, schauen, ob die Viruslast hochgeht. Wenn das so ist, müssen wir die Medikamente umstellen. Und danach schauen wir, wer bei uns beiden dann wieder das Sagen hat …
Als du damals von deiner HIV-Infektion erfahren hast, hast du ganz bewusst nach einem Partner gesucht, der auch positiv ist. Wieso war dir das wichtig?
Es war einfach so, dass ich niemand anderen anstecken wollte. Wir hatten damals ja noch einen ganz anderen Wissensstand, was HIV und Aids anging. Man wusste so ungefähr, wie man sich schützen kann, ja, aber ansonsten … Und mi t einem ebenfalls positiven Partner hatte ich die Sicherheit: Okay, wir haben es beide. Wir können Pech haben und beide daran sterben. Wir sind aber beide in derselben Situation. Irgendwie dachte ich, dass das für mich die einzige Möglichkeit wäre, überhaupt noch einen Partner zu finden. Ich dachte ja auch gar nicht, dass ich noch so lange leben würde.
War das für euch Thema, dass vielleicht einer von euch wegen Aids früher sterben wird, der andere dann vielleicht alleine ist?
Ja, es war uns klar, dass es wohl einen von uns früher als den anderen erwischen wird. Da haben wir uns keinen Kopf gemacht, wer der Erste ist. Es war uns nur wichtig, dass wir keinen weiteren infizieren.
Nach dem Tod deines Partners hattest du keine Beziehung mehr. War das eine bewusste Entscheidung?
Nein, es funktioniert einfach nicht. Wie weit das mein Ding ist, weiß ich nicht. Ich bekomme es einfach nicht mehr gebacken. Ich bekomme keinen Draht mehr zu jemandem. Oder ich lasse es eben schleifen. Aber ich will das auch gar nicht wirklich ergründen. Ich glaube, es ist der Schiss vor einem weiteren Verlust. Vielleicht ist es das. Dass ich denjenigen verlasse oder er eben mich …
Du sagtest, du hättest deine HIV-Infektion die ersten Jahre völlig verdrängt. Wann kam das Umdenken?
Das erste Umdenken kam, als ich 1989 einen ebenfalls positiven Partner kennenlernte. Da rückte das Virus kurzfristig noch mal in den Mittelpunkt. Ich habe es dann aber auch schnell wieder verdrängt. Erst 1995, nach dem Tod meines Partners, bekam ich erste HIV-bedingte Infektionen, die mich zwangen, zum Arzt zu gehen. Die Viruslast war hoch, die Helferzellen am Boden. Der Arzt sprach vom Status Aids. Ich fing dann mit den ersten Medikamenten an. Und mein Leben war dann doch noch nicht zu Ende. Ich brauchte ein wenig, bis ich wieder aufgebaut war, etwa ein halbes Jahr, und ging dann wieder normal arbeiten. Den Rat meiner Ärzte, in Rente zu gehen, lehnte ich einfach ab, weil ich nicht zu Hause sitzen wollte. Als es mir also wieder einigermaßen ging, habe ich mich sofort voll ins Arbeitsleben gestürzt. 2001 starb dann allerdings mein Vater, und bin ich komplett psychisch und physisch abgestürzt. 2002 habe ich mich dann entschieden, endlich mehr für mich zu tun, und habe den Rentenantrag eingereicht, dem 2004 zugestimmt wurde.
War 1995 für dich das entscheidende Jahr, weil du aufgrund der beginnenden Infektionen gezwungen warst, zum Arzt zu gehen und eine Therapie zu beginnen?
Das Jahr 1995 war für mich ein beschissenes Jahr. Mein Partner war an Aids gestorben, und ich denke, das hat mich richtig runtergezogen und war vielleicht der Anlass, dass erste Infektionen auftraten. Bedingt durch Stress und psychische Belastung. Der glückliche Zufall war einfach, dass die ersten offiziell zugelassenen Medikamente auf dem Markt waren. Ich hatte einfach Glück.
Wie lebst du heute mit HIV? Die Therapien haben sich seit 1995 ja stark verändert.
Zwischendurch hatte ich eine Phase, wo ich gedacht habe: Diese ewige Medikamentenfresserei, da habe ich keinen Bock mehr drauf. Ein Medikament vertrug ich damals so schlecht, dass ich es immer sofort wieder ausgekotzt habe. Da habe ich zu meinem Arzt gesagt: „So geht das gar nicht.“ Ich wollte nur noch meine Ruhe und habe eine Weile keine Medikamente mehr genommen. Das muss 2001 gewesen sein. Dann hatte ich irgendwann meine Rippen gebrochen, kam ins Krankenhaus und der Arzt auf der Intensivstation hat mich erst mal zusammengefaltet. Danach bin ich dann wieder in die medikamentöse Therapie eingestiegen, die sich inzwischen ja auch wieder verändert hatte.
Hast du heute noch Probleme mit den Medikamenten, die du nehmen musst?
Ja, immer mal wieder. Manches Mal geht man aus dem Haus und denkt, alles ist toll. Dann steht man am Tresen und plötzlich denkt man: Nee, war wohl nichts mit „Alles ist toll“ – und die Hose ist voll. Oder die letzten Meter bis zur Wohnung, nach einem Spaziergang, werden einfach zu lang, und ich schaffe es nicht mehr bis zur Toilette. Wenn ich es vorher merke, ist es gut. Dann schiebe ich einen Tampon und kann sicher in die Oper oder ins Theater gehen. Das klappt dann prima, und es kann nichts mehr passieren. Das ist alles aber nicht mehr so akut wie in der Anfangszeit. Da hat sich in der Therapie schon einiges getan. An mein Virus werde ich aber mit jeder Einnahme der Medikamente, morgens und abends, erinnert. Und wenn es mir trotz der Pillen wieder schlecht geht, habe ich Schiss und renn zum Arzt. Ist jetzt die Wirkung der Medikamente weg? Muss ich neue Medikamente nehmen? Gibt es Resistenzen? Habe ich wieder ein Problem zwischen den Ohren?
Es ist also eine permanente Beschäftigung mit dem Thema?
Klar, ich bin gezwungen, mich ständig damit zu beschäftigen. Ich gehe heute aber anders damit um, also, ich habe es akzeptiert. Ich lebe nicht für das Virus, aber eben mit ihm. Ich gehe heute bewusster damit um. Und versuche auch anderen Leuten zu sagen: Wenn du schon mit dem Virus lebst, dann mach das Beste daraus. Verstecke dich nicht.
(Das Interview führte Tim Schomann. Mit freundlicher Genehmigung von IWWIT/DAH)
Mit diesem Interview möchten wir von GAY.DE auf das Thema HIV/Aids aufmerksam machen und Euch informieren. Zum diesjährigen Welt Aids Tag möchten wir Euch umfangreiche Informationen rund ums Thema bieten und gleichzeitig die neue Kampagne der Deutschen AIDS-Hilfe vorstellen. Das IWWIT Projekt ist dabei ein fester Bestandteil der Präventionsarbeit.
Auch das GAY.DE Team leistet seinen Beitrag – Mit dem GAY.DE SafetyBag könnt Ihr Euch informieren und ein kleines Cruisingset für den sicheren Verkehr ordern.
Mehr Informationen im GAY.DE Blog.









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