Wie akzeptierend sind wir denn, die Herren?

- Ein Kommentar von Malte Bornhöft (freier Autor u.a. für Siegessäule und Du&Ich) zur aktuellen Diskussion auf der Facebook-Seite von ICH WEISS WAS ICH TU. -

Couragiert und mutig sind die IWWIT-Aktionen bisher ja gewesen: Kontroverse Themen, polarisierende Thesen, charakterstarke Rollenmodelle.

Nun heißt es also „Selbstbewusst! Einzigartig!“ Damit soll die Akzeptanz innerhalb der schwulen Community diskutiert werden. Und es ging gleich ziemlich ab auf Facebook.

Hand aufs Herz: Wie tolerant sind wir wirklich?  
Scheinbar gegensätzliche Paare sehen wir auf den Anzeigen- und Fotomotiven: Der Student trifft auf den Lederkerl, die Dragqueen auf den Heterotyp oder der Jungboy auf den Daddy.
Tatsächlich begegnen uns in der Szene solche gegensätzlichen Paare – und gar nicht so selten.
Aber reagieren wir alle immer so, wie man es von toleranten, aufgeklärten Schwulen erwarten dürfte? Ich sage Nein. Es wird gelästert, getuschelt, gehetzt und gelacht. Hmm…eigentlich komisch. Denn gehören wir nicht alle einer Minderheit an, die für Akzeptanz und Respekt innerhalb der gesamten Gesellschaft kämpft – für Gleichberechtigung zwischen LGBTs und Heteros? Da sollte man meinen, es gäbe ein Mindestmaß an Toleranz, Respekt und Akzeptanz
innerhalb der eigenen Reihen. Doch manchmal ist davon nur wenig zu spüren. Die Diskussion auf Facebook vor wenigen Tagen zum Auftakt der IWWIT-Aktion hat das ganz gut gezeigt.

So schreibt Henning: „…muss ich als „Schwuler“ toleranter sein wie als „Normaler“ Mensch? Oder einfach nur weil es „politisch korrekt“ ist? Muss ich daher jemandem gegenüber toleranter sein, bloß weil mein Gegenüber zufälligerweise auch das eigene Geschlecht in seinem Sexualleben bevorzugt?“

Immer politisch korrekt sein nervt
Klar, ständig politisch korrekt zu sein, kann natürlich auch anstrengen. Immer darauf zu achten, niemandem auf den Schlips zu treten, nie etwas sagen zu können, ohne gleich Applaus von der einen Seite und Buhrufe von der anderen Seite zu ernten auch. Meiner Meinung nach, nimmt das „Gendering“ und die „political correctness“ manchmal Überhand und hemmt einen selbst, sich innerhalb der Community „frei“ zu bewegen. Nur weil ich zufällig auch schwul bin, muss ich ja nicht alles toll finden, was mir in der Szene begegnet. Und natürlich darf man das auch äußern. Wieso nicht? Wer sollte einem das verbieten? Doch der springende Punkt ist doch, bleibe ich bei dem, was ich mag oder nicht mag noch respektvoll? Und da hört dann der Spaß eben bei mir auf: Wenn es um Diskriminierung einzelner Gruppen innerhalb der Community geht. Ein Reizthema unter Schwulen ist ja zum Beispiel die Definition der Männlichkeit.

“Dürre Schwuletten mit abgeknickten Ärmchen“ 
Während der Diskussion auf Facebook hat mir so manches Mal der Atem gestockt. Musste ich doch einige abwertende und extrem ausgrenzende Kommentare lesen, die mir zeigten, dass Akzeptanz unterschiedlicher „Mannsbilder“ bei so manchem von uns so gut wie gar nicht existiert. Ganz schön erschütternd, die Herren. So schreibt Lars: „Ich halte nix von diesen dürren Schwuletten mit ihren abgeknickten Ärmchen und Tops. Ich bin schwul und steh‘ auf Männer, nicht auf Lachnummern….“ Dieser Kommentar setze dem Ganzen die Krone auf. Aber er entspricht der Meinung vieler in der Community. Jeder darf auf denjenigen stehen, der seine Vorlieben anspricht – ganz klar. Ich habe meine, du hast deine, alles fein. Jedoch kommen wir so nicht weiter. Dann hat einer halt „abgebrochene Ärmchen“ – na und?! Das muss der straight-acting Muskeltyp genauso akzeptieren, wie der alternde Bär oder der twinky boy.

Die Definition von Männlichkeit ist für mich übrigens nicht nur ein Thema, das in der schwulen Szene diskutiert wird. So fragt David zu Recht: „Ist das nicht einfach ein Widerhall einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, der in der schwulen Szene in größerer Form sogar eher zeitversetzt nachträglich eingesetzt hat?“

Ich würde sagen ja, denn die Definition von Männlichkeit fördert zusammen mit der aktuellen Fitness-Welle den Kult am Körper – in der gesamten Gesellschaft. Demnach ist ein Mann auch unter Schwulen nur ein Mann, wenn er Muskeln hat, maskulin und kernig wirkt. Die Frage ist nur, wie charakterfest Mann ist, sich so in den Trainings- und Jugendwahn drängen zu lassen, um diesem Diktat zwanghaft zu entsprechen. Schließlich darf Mann ja auch einfach Nein sagen, entspricht ein Typ nicht den eigenen Vorstellungen. Da ist nichts dabei. Es kommt eben auf den Ton an. Und der ist deutlich rauer geworden. Entkrampfen wir uns alle ein wenig und lassen uns unsere Plaisierchen. Das klärt den Blick fürs Wesentliche und schafft ein respektvolles, tolerantes und buntes Miteinander – nicht nur im Jahr 2013!

(Text: Mit freundlicher Unterstützung der Deutschen AIDS-Hilfe, Tim Schomann und Malte Bornhöft)

GAY.DE Serie zum WAT 2012: HIV IN DEUTSCHLAND – ENTWICKLUNG DER NEUINFEKTIONEN SEIT 2001

Das 21. Jahrhundert begann mit schlechten Nachrichten: Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldete einen Anstieg der HIV-Neuinfektionen bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM). Bis zum Jahr 2006 hielt dieser Trend an. Nach
Berechnungen aus dem Jahr 2011 gingen die Neuinfektionen dann ab 2007 wieder zurück. Im Jahr 2011 gab es demnach 2.700 Neuinfektionen. Die Zahlen für das Jahr 2012 werden voraussichtlich Ende November veröffentlicht. Aus

verschiedenen Gründen wird sich der Abwärtstrend vermutlich nicht fortsetzen.

SCHWULE MÄNNER SCHÜTZEN SICH MEHRHEITLICH GUT

Seit dem Anstieg der Neuinfektionen wird darüber spekuliert, ob schwule Männer sich nicht mehr ausreichend vor HIV schützen. Studien belegen aber, dass  Schutzmotivation und das Schutzverhalten weiterhin hoch sind. In der EMISBefragung 2010 gaben rund drei Viertel der Männer an, sie hätten sich im Jahr zuvor immer geschützt. Bei ähnlichen Studien haben in den vergangenen Jahren stets rund 70 Prozent berichtet, sie wären keine Risiken eingegangen, 20% der Befragten sagten, sie hätten dies gelegentlich getan, 10% gaben häufige Risikokontakte an.

GRÜNDE FÜR DEN ANSTIEG DER NEUINFEKTIONEN

Was sind dann aber die Gründe für den Anstieg? Einer der wichtigsten dürfte die Rückkehr der Syphilis sowie die Verbreitung anderer sexuell übertragbarer Infektionen sein. Diese wirken als Turbo der HIV-Epidemie. Entzündete Schleimhäute am Penis oder im Anus erleichtern das Eindringen von HIV. Bei (unbehandelten) HIV-Positiven kann die Viruslast durch die Syphilis erheblich steigen, so dass eine Übertragung wahrscheinlicher wird.
Seit der Jahrtausendwende schaukelt sich die Zahl der Syphilisinfektionen in Deutschland in Wellenbewegungen nach oben und wird dieses Jahr einen Rekordwert von deutlich mehr als 3.000 erreichen. Besonders betroffen: schwule
Männer in Großstädten.
Weitere Gründe für den Anstieg der Neuinfektionen in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends: Schwule Männer hatten durchschnittlich mehr Partner als in den Jahren zuvor und zugleich häufiger Analverkehr. Damit stieg unterm Strich die
Zahl der Situationen, in denen HIV übertragen werden konnte. Zudem wurde für einige Jahre erst relativ spät mit den antiretroviralen Therapien begonnen, dementsprechend gab es mehr HIV-positive Menschen mit einer für die Übertragung ausreichenden Viruslast. Die Zunahme geht also auf eine Vielfalt von Gründen zurück, die nicht unbedingt darauf schließen lässt, dass sich das Schutzverhalten grundlegend verändert hat.
Zugleich gibt es aber auf der Ebene des individuellen Umgangs mit Risiken durchaus Veränderungen. Manche schwule Männer versuchen verstärkt auszuloten, unter welchen Bedingungen sie auf Kondome verzichten können. Sie versuchen
sich zu schützen, indem sie das Risiko abschätzen und entsprechend handeln. Viele verzichten zum Beispiel in Beziehungen auf Kondome, andere suchen nach Partnern mit dem gleichen HIV-Status wie sie selbst. Ob und inwiefern schwule

Männer dabei häufiger das Risiko einer HIV-Infektion eingehen als früher, wird die nächste Befragung im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigen, die im Jahr 2013 durchgeführt wird.

SYPHILIS ALS TURBO?

Im Gefolge der Syphiliswelle könnte es in den kommenden Jahren zu einem deutlichen Anstieg der HIV-Neuinfektionen kommen. Über die Ursachen wird dann in den nächsten Monaten und Jahren viel diskutiert werden. Entscheidend für schwule Männer ist die Botschaft: Wenn du mit wechselnden Partnern Sex hast, lass dich regelmäßig auf Syphilis und andere sexuell übertragbare Infektionen testen und gegebenenfalls so schnell wie möglich behandeln. Wenn du glaubst, du könntest dich mit einer sexuell übertragbaren Infektion infiziert haben, geh zum Arzt. Und denk dran: Sex ohne Kondom ist in dieser Situation ein besonderes Risiko.
(Texte zur GAY.DE Serie zum Welt-Aids-Tag mit freundlicher Genehmigung der Deutschen AIDS-Hilfe, T.Schomann)

GAY.DE Serie zum WAT 2012: „Mach das Beste draus!“

„Älter werden“? Gerade in der schwulen Community oft ein rotes Tuch. Wer will das auch schon… Einen anderen Dreh bekommt das Ganze allerdings, wenn jemand mit seinem sicheren und frühen Tod rechnete und dann doch weiter leben kann.

So wie IWWIT Rollenmodell Wolfgang. Er infizierte sich 1987 mit HIV. Wirklich wirksame Medikamente waren noch nicht auf dem Markt. Älter werden? War für ihn damals kein Thema, denn „ich habe damals nicht damit gerechnet, jemals alt zu werden.“ Zu sicher schien ihm, dass er bald an AIDS sterben würde, so wie sein damaliger Partner.

Doch es kam anders und auch seine Meinungen zum Älter werden und zum Umgang mit HIV haben sich bei ihm geändert…

Wolfgang (64) ist seit 25 Jahren HIV-positiv. Zunächst verdrängte er seine Infektion. Nach  dem Tod seines Partners 1995 bekam er aber schwere HIV-bedingte Gesundheitsprobleme. Sein Glück: Damals waren gerade die ersten wirksamen HIV-Kombinationstherapien auf den Markt gekommen. Schon nach einem halben Jahr Behandlung konnte er wieder arbeiten.

Heute engagiert sich Wolfgang, der vor einigen Jahren in Rente ging, ehrenamtlich beim schwulen Infoladen Hein & Fiete und als Schoolworker bei der AIDS-Hilfe Hamburg. Zuvor arbeitete er in der Krankenpflege.

Mit seinem Motto „Mach das Beste draus“ will er auch anderen Mut machen, die HIV-Erkrankung zu akzeptieren, sich aber nicht von ihr bestimmen zu lassen.

Das ganze Interview:

Wolfgang, du hast dich vor etwa 25 Jahren mit HIV infiziert. Hast du damals gedacht, dass du 60 wirst?

Nein, ich habe damals nicht damit gerechnet, jemals alt zu werden. Damals, 1987, gab es noch keine richtigen Medikamente oder wirksamen Therapien. Ich habe damals gedacht: „Lebe weiter wie bisher und versuche, so weit wie möglich zu kommen.“ Ich habe das Virus komplett ignoriert und für mich verdrängt. Bis es mich dann 1995 erwischt hat und ich zum ersten Mal erhebliche gesundheitliche Probleme bekam. Ich hatte aber Glück im Unglück, denn es gab damals erstmals wirklich wirksame und getestete Medikamente. Damit habe ich den Sprung ins Überleben geschafft. Ich denke, sonst hätte ich mich damals aus dem Leben verabschieden müssen. So, wie es meinem Partner kurz vorher ergangen war.

Was bedeutet für dich „alt werden“?

Früher habe ich von mir gesagt, mit 40 bist du alt. Dann habe ich die 50 einfach so weggesteckt. Mit der 60 habe ich dann aber wirklich ein wenig Probleme gehabt. Aber das  liegt jetzt ja auch schon wieder ein Weilchen hinter mir.

Warum war es bei der 60 anders?

Es war einfach die Zahl, die mir Angst machte. Ich war immer neugierig und unterwegs, aber dann war da die Zahl 60, und ich dachte, jetzt gehöre ich zum alten Eisen. Letztendlich sind meine Freunde aber wie immer mit mir umgegangen, wie vor der Zahl 60. Und damit war das Problem dann auch schnell für mich erledigt. Jetzt schau ich einfach mal, wie weit ich noch komme. Irgendwann zieht der alte Mann da oben den Stecker raus, und dann ist es auch gut.

Haben dich früher andere Dinge beschäftigt als heute?

Ich glaube, nicht wirklich. Ich bin immer irgendwie meinen Weg gegangen. Ich war zwar früher eher ein Heißsporn und habe einfach drauf los gewerkelt. Heute schaue ich erst einmal, überlege und werkele dann. Ich glaube, der Unterschied zu früher ist nicht sehr groß, auch wenn ich heute vieles gelassener angehe. Ich sage mir einfach: Du hast den größten Teil des Weges geschafft, dann schaffst du auch noch den Rest.

Du bist seit einigen Jahren in Rente. War das eine schwierige Umstellung für dich?

Als ich in Rente ging, musste ich mir erst einmal etwas suchen, was ich machen kann und was mich interessiert. Ich habe mich dann ehrenamtlich engagiert, zunächst als Fahrer bei der Hamburger Tafel. Als HIV-Positiver wollte ich aber auch noch etwas in der HIVPrävention machen. Ich suchte mir dann zusätzlich den schwulen Infoladen Hein & Fiete aus und arbeite dort noch immer mit. Später bewarb ich mich auch noch bei der AIDS-Hilfe in Hamburg. Mir wurde die Mitarbeit bei den Schoolworkern angeboten. Ich schaute mir die Broschüre an, aber dort stand „für junge Leute bis 30“. Da habe ich freundlich angemerkt, dass ich ja schon etwas älter sei – ich war damals gerade 60 geworden. Die Antwort lautete aber: „Ja, ja, das schaffst du schon.“ Wir haben das dann ausprobiert, und es klappte auf Anhieb. Die Einsätze als Schoolworker sind immer wieder interessant und geben auch mir einiges.

Also war es dann doch kein Problem, dass du deutlich älter als 30 warst?

Die dachten wohl, man müsse ungefähr im selben Alter sein wie die Jugendlichen. Damit man auf gleicher Augenhöhe ist und ihnen was erzählen kann. Aber es hat halt nichts mit dem Alter zu tun. Heute steht das mit den 30 Jahren übrigens nicht mehr in der Broschüre. Na ja, und seit 2008 bin ich auch bei ICH WEISS WAS ICH TU. Zunächst als Präventionist und jetzt auch als Rollenmodell. Durch meine Ehrenämter bin ich sehr viel unterwegs und gut beschäftigt. Langweilig wird mir eigentlich nie.

Man sagt ja von der schwulen Szene, sie sei sehr jugendfixiert und oberflächlich. War das früher anders?

Ich denke, das war schon immer so. Vielleicht war es früher familiärer. Wenn sogenanntes Frischfleisch kam, wurde es erst mal freundlich in die Szene aufgenommen. Heute ist das alles distanzierter. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass Homosexualität früher verboten war. Da musste man schon etwas näher zusammenrücken. Das hat zusammengeschweißt. Man hat mehr aufeinander geachtet. Heute ist es wesentlich offener. Es gibt Möglichkeiten, auszugehen, anzubandeln und Sex zu haben. Früher spielte sich das ja fast wie in einem Ghetto ab. Heute kann man als Schwuler fast überall hingehen, und es ist okay.

Was ist für dich ein selbstbewusster Umgang mit dem Älterwerden?

Ich würde sagen, dass ich mir nie etwas aus dem Alter gemacht habe, sondern mich immer so gebe, wie ich bin. Ich habe auch nie versucht, jünger zu wirken. Viele versuchen das ja, indem sie sich mit Jüngeren umgeben, und hoffen, dadurch dazuzugehören und selber jung zu sein. Sie stylen sich manchmal auch entsprechend auf und merken nicht, wie albern sie damit wirken. Ich finde, man wird halt älter und muss das auch so akzeptieren. Ich gebe mir immer Mühe, das Beste daraus zu machen. Natürlich versuche ich mich fit zu halten. Ich habe schon immer viel Sport getrieben und schwimme auch heute noch jeden Tag meine Runden.

Wir sprechen viel über das Älterwerden und Jung- und Altsein. Aber was ist für dich eigentlich alt?

Für mich gibt es den Begriff alt nicht wirklich. Irgendwann merke ich wahrscheinlich, dass ich mich nicht mehr bewegen kann oder dass es mir geht  wie meiner 94-jährigen Mutter, die geistig langsam abbaut. Vielleicht muss ich mir dann eingestehen, dass ich alt bin. Noch bin ich einfach nur länger jung

Hast du Angst davor, später vielleicht mal auf Hilfe und Pflege angewiesen zu sein?

Nein, Angst habe ich nicht davor. Ich habe für mich geplant, wo ich dann hingehen will, und habe das geregelt. Außerdem habe ich für mich eine Patientenverfügung gemacht. Und ich habe ein soziales Umfeld, das auf mich aufpasst. Vielleicht sagen die dann irgendwann: „So, Wolfgang, jetzt ist es soweit – wir gehen nach Kiel zur Körperverbrennungsanlage!“ (lacht)

Und wenn du doch länger auf Pflege angewiesen sein solltest?

Also, wenn es so kommt, hoffe ich, dass mein soziales Umfeld noch ausreicht, dass ich mich zu Hause von dieser Welt verabschieden kann. Oder ansonsten in ein Hospiz gehen kann.

Ist es also wichtig, sich im Alter ein soziales Netz zu knüpfen, in das man sich dann auch fallen lassen kann?

Ich glaube, dieses Netz kann man im Alter nicht mehr knüpfen, man muss es ins Alter mitnehmen. Man wird gemeinsam älter, und damit hat man dann auch das Netz. Das später noch aufzubauen, ist ganz schwer. Man wird eigenwilliger, vielleicht auch eingeschränkter als früher. Da ist es oftmals schwer, offen für anderes zu bleiben. Wenn man das soziale Umfeld nicht mit ins Alter nimmt, wird’s schwer …

In zehn Jahren bist du 74. Wie siehst du dich dann?

Ich hoffe, noch da, wo ich jetzt bin: Jeden Morgen wie ein junger Hüpfer schwimmen gehen. Jedes Wochenende woanders sein, auch für ICH WEISS  WAS ICH TU. Ich kann und möchte nicht zu Hause rumgammeln. Ich könnte mich sicherlich beschäftigen. Ich bin aber viel lieber draußen unterwegs. Und wenn es klappt, wird es auch noch lange so bleiben.

Du hast dich 1987 mit HIV infiziert. Spielt die Infektion eine große Rolle bei deinem Älterwerden?

Nein, eigentlich nicht. Ich werde mit dem Virus älter, ja. Damit hätte ich nie gerechnet. Ich mache das Virus aber nicht zu meinem Lebensmittelpunkt. Ich nehme es mit, werde es ja nicht los. Und somit wird es mitgeschleppt und ist Teil von mir. Es muss halt eben so alt werden wie ich. Es kann sich ja nicht trennen von mir. Ich sage ihm einfach: „Wenn du schon da bist, dann sieh zu, wie du mit mir klarkommst.“  Da bin ich dann stur, da kommt der Altersstarrsinn durch … (lacht)

Das hört sich ja fast schon wie in einer Beziehung an …

Ja, das stimmt. Und mal ist das Virus stärker, mal bin ich stärker. Es ist jetzt die Situation, wo vielleicht Resistenzen gegen bestimmte Medikamente  bei mir da sind. Da hat das Virus gerade den Kopf oben. Mein Arzt und ich sehen uns gerade die Laborwerte an, schauen, ob die Viruslast hochgeht. Wenn das so ist, müssen wir die Medikamente umstellen. Und danach schauen wir, wer bei uns beiden dann wieder das Sagen hat …

Als du damals von deiner HIV-Infektion erfahren hast, hast du ganz bewusst nach einem Partner gesucht, der auch positiv ist. Wieso war dir das wichtig?

Es war einfach so, dass ich niemand anderen anstecken wollte. Wir hatten damals ja noch einen ganz anderen Wissensstand, was HIV und Aids anging. Man wusste so ungefähr, wie man sich schützen kann, ja, aber ansonsten … Und mi t einem ebenfalls positiven Partner hatte ich die Sicherheit: Okay, wir haben es beide. Wir können Pech haben und beide daran sterben. Wir sind aber beide in derselben Situation. Irgendwie dachte ich, dass das für mich die einzige Möglichkeit wäre, überhaupt noch einen Partner zu finden. Ich dachte ja auch gar nicht, dass ich noch so lange leben würde.

War das für euch Thema, dass vielleicht einer von euch wegen Aids früher sterben wird, der andere dann vielleicht alleine ist?

Ja, es war uns klar, dass es wohl einen von uns früher als den anderen erwischen wird. Da haben wir uns keinen Kopf gemacht, wer der Erste ist. Es war uns nur wichtig, dass wir keinen weiteren infizieren.

Nach dem Tod deines Partners hattest du keine Beziehung mehr. War das eine bewusste Entscheidung? 

Nein, es funktioniert einfach nicht. Wie weit das mein Ding ist, weiß ich nicht. Ich bekomme es einfach nicht mehr gebacken. Ich bekomme keinen Draht mehr zu jemandem. Oder ich lasse es eben schleifen. Aber ich will das auch gar nicht wirklich ergründen. Ich glaube, es ist der Schiss vor einem weiteren Verlust. Vielleicht ist es das. Dass ich denjenigen verlasse oder er eben mich …

Du sagtest, du hättest deine HIV-Infektion die ersten Jahre völlig verdrängt. Wann kam das Umdenken?

Das erste Umdenken kam, als ich 1989 einen ebenfalls positiven Partner kennenlernte. Da rückte das Virus kurzfristig noch mal in den Mittelpunkt. Ich habe es dann aber auch schnell wieder verdrängt. Erst 1995, nach dem Tod meines Partners, bekam ich erste HIV-bedingte Infektionen, die mich zwangen, zum Arzt zu gehen. Die Viruslast war hoch, die Helferzellen am Boden. Der Arzt sprach vom Status Aids. Ich fing dann mit den ersten Medikamenten an. Und mein Leben war dann doch noch nicht zu Ende. Ich brauchte ein wenig, bis ich wieder aufgebaut war, etwa ein halbes Jahr, und ging dann wieder normal arbeiten. Den Rat meiner Ärzte, in Rente zu gehen, lehnte ich einfach ab, weil ich nicht zu Hause sitzen wollte. Als es mir also wieder einigermaßen ging, habe ich mich sofort voll ins Arbeitsleben gestürzt. 2001 starb dann allerdings mein Vater, und bin ich  komplett psychisch und physisch abgestürzt. 2002 habe ich mich dann entschieden, endlich mehr für mich zu tun, und habe den Rentenantrag eingereicht, dem 2004 zugestimmt wurde.

War 1995 für dich das entscheidende Jahr, weil du aufgrund der beginnenden Infektionen gezwungen warst, zum Arzt zu gehen und eine Therapie zu beginnen?

Das Jahr 1995 war für mich ein beschissenes Jahr. Mein Partner war an Aids gestorben, und ich denke, das hat mich richtig runtergezogen und war vielleicht der Anlass, dass erste Infektionen auftraten. Bedingt durch Stress und psychische Belastung. Der glückliche Zufall war einfach, dass die ersten offiziell zugelassenen Medikamente auf dem Markt waren. Ich hatte einfach Glück.

Wie lebst du heute mit HIV? Die Therapien haben sich seit 1995 ja stark verändert.

Zwischendurch hatte ich eine Phase, wo ich gedacht  habe: Diese ewige Medikamentenfresserei, da habe ich keinen Bock mehr drauf. Ein Medikament vertrug ich damals so schlecht, dass ich es immer sofort wieder ausgekotzt habe. Da habe ich zu meinem Arzt gesagt: „So geht das gar nicht.“ Ich wollte nur noch meine Ruhe und habe eine Weile keine Medikamente mehr genommen. Das muss 2001 gewesen sein. Dann hatte ich irgendwann meine Rippen gebrochen, kam ins Krankenhaus und der Arzt auf der Intensivstation hat mich erst mal zusammengefaltet. Danach bin ich dann wieder in die medikamentöse Therapie eingestiegen, die sich inzwischen ja auch wieder verändert hatte.

Hast du heute noch Probleme mit den Medikamenten, die du nehmen musst?

Ja, immer mal wieder. Manches Mal geht man aus dem Haus und denkt, alles ist toll. Dann steht man am Tresen und plötzlich denkt man: Nee, war wohl nichts mit „Alles ist toll“ – und die Hose ist voll. Oder die letzten Meter bis zur Wohnung, nach einem Spaziergang, werden einfach zu lang, und ich schaffe es nicht mehr bis zur Toilette. Wenn ich es vorher merke, ist es gut. Dann schiebe ich einen Tampon und kann sicher in die Oper oder ins Theater gehen. Das klappt dann prima, und es kann nichts mehr passieren. Das ist alles aber nicht mehr so akut wie in der Anfangszeit. Da hat sich in der Therapie schon einiges getan. An mein Virus werde ich aber mit jeder Einnahme der Medikamente, morgens und abends, erinnert. Und wenn es mir trotz der Pillen wieder schlecht geht, habe ich Schiss und renn zum Arzt. Ist jetzt die Wirkung der Medikamente weg? Muss ich neue Medikamente nehmen? Gibt es Resistenzen? Habe ich wieder ein Problem zwischen den Ohren?

Es ist also eine permanente Beschäftigung mit dem Thema?

Klar, ich bin gezwungen, mich ständig damit zu beschäftigen. Ich gehe heute aber anders damit um, also, ich habe es akzeptiert. Ich lebe nicht für das Virus, aber eben mit ihm. Ich gehe heute bewusster damit um. Und versuche auch anderen Leuten zu sagen: Wenn du schon mit dem Virus lebst, dann mach das Beste daraus. Verstecke dich nicht.

(Das Interview führte Tim Schomann. Mit freundlicher Genehmigung von IWWIT/DAH)

Mit diesem Interview möchten wir von GAY.DE auf das Thema HIV/Aids aufmerksam machen und Euch informieren. Zum diesjährigen Welt Aids Tag möchten wir Euch umfangreiche Informationen rund ums Thema bieten und gleichzeitig die neue Kampagne der Deutschen AIDS-Hilfe vorstellen. Das IWWIT Projekt ist dabei ein fester Bestandteil der Präventionsarbeit.

Auch das GAY.DE Team leistet seinen Beitrag – Mit dem GAY.DE SafetyBag könnt Ihr Euch informieren und ein kleines Cruisingset für den sicheren Verkehr ordern.
Mehr Informationen im GAY.DE Blog.

 

Starke Bilder zum Tag gegen Homophobie am 17.5.

©Deutsche AIDS-Hilfe 2011

„MIR REICHT’S! – Meine Würde ist unantastbar!“ Das ist die Botschaft einer Aktionskampagne der Deutschen AIDS-Hilfe (DAH) zum morgigen Internationalen Tag gegen Homophobie.

Zehn schwule Männer zeigen sich auf Fotos zugleich schwer verletzt und selbstbewusst fordernd. Denn Gewalt und Diskriminierung gehören noch immer zum Alltag. Diese Aktion macht sie mit starken Bildern sichtbar – und erteilt der Homophobie eine klare Absage.

Mit dabei: Alexander Freier, 24, der mit 15 einmal zusammengeschlagen wurde, weil er schwul ist. Für ihn ein Grund, erst recht selbstbewusst und offen aufzutreten. „Menschen kennen oft keine Schwulen und haben verschrobene Bilder im Kopf. Ein einziger echter Schwuler
bringt manchmal jahrelang gepflegte Vorurteile zum Einsturz“, erläutert er seine Motivation, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Die Motive von „MIR REICHT’S“ sind als Plakate, Postkarten und Anzeigenmotive verfügbar. Als unübersehbares Zeichen für  Selbstvertrauen und Selbstbestimmung sollen sie sich auch über die sozialen Netzwerke wie Facebook verbreiten. Die Aktion ist eingebunden in die DAH-Präventionskampagne ICH WEISS WAS ICH TU die sich an Schwule und andere Männer, die Sex mit Männern haben, richtet.

Ein Leben ohne Diskriminierung und Bedrohung durch Gewalt ist ein Menschenrecht. Zugleich hat das Statement gegen Schwulenfeindlichkeit eine wichtige Bedeutung in der HIV-Prävention. Dazu Dr. Dirk Sander, DAH-Referent für Männer, die Sex mit Männern haben: „Nur wer selbstbewusst und selbstbestimmt mit der eigenen Sexualität umgeht, kann sich auch wirksam vor HIV schützen. Diskriminierung und Angst vor Gewalt beschädigen das Selbstwertgefühl und oft auch die Fähigkeit, sich um die eigene Gesundheit zu kümmern. Wer sich aus Angst verstecken muss, wird außerdem durch Prävention nicht erreicht. Es ist wissenschaftlich erwiesen: Gesellschaften, die sich erfolgreich mit Homophobie auseinandersetzen, haben größere Präventionserfolge.“ (PI)

 

„HIV ist mir nicht egal!“ – UNS auch nicht!

Ein Thema, das uns alle betrifft – egal ob hetero- oder homosexuell, dass Human Immunodeficiency Virus – kurz HIV – unterschiedet nicht. In den Medien werden immer wieder neue Methoden präsentiert, die Immunschwächekrankheit zu besiegen. Die Infektionszahlen werden fast wöchentlich von den unterschiedlichsten Stellen neu definiert und in zahlreichen Blogs und Foreneinträgen werden Halbwissen und zumeist falsche Aussagen verbreitet.

Dass es auch anders geht, zeigen die gut konzipierten Kampagnen der Deutschen AIDS-Hilfe ( DAH). Die bundesweite Kampagne „Ich weiß was ich tu“ (IWWIT) ist mittlerweile nicht nur in der schwul-lesbischen Szene bekannt und auch die Aktionen zum Welt-Aids-Tag sind keineswegs nur an Betroffenen gerichtet, sondern rufen zum Nachdenken und Handeln auf.

„HIV ist mir nicht egal!“

Mit dem neuen Auftritt im Netz, präsentiert sich die Deutsch AIDS-Hilfe seit einer Woche im neuen Glanz. „Gut zu wissen“ lautet das Leitmotiv der neuen Seite, auf der sich Interessierte und Hilfesuchende informieren können und sich an ein geschultes Beraterteam wenden können. (GAYS.DE berichtete)
Mit dem aktuellen Onlineaufruf möchte die DAH ein bestehendes  Vorurteil aus der Welt schaffen: „HIV interessiert niemanden mehr? Das glauben wir nicht!“, so Jörg Litwinschuh, Pressesprecher DAH e.V.  Das Gegenteil soll bewiesen werden, indem die Besucher der Seite auf den roten Buzzer klicken und somit ihr Statement abgeben, dass HIV eben nicht uninteressant ist.
„In einem Monat wollen wir eine Million Klicks zählen. Und das ist zu schaffen. Denn HIV ist immer noch ein wichtiges Thema, eben nicht nur in der homosexuellen Kultur. Zur Einstimmung auf unsere Aktion haben wir Menschen auf der Straße nach ihrem Umgang mit HIV gefragt – und spannende Auskünfte erhalten“, so Litwinschuh weiter.

Wer die Aktion unterstützen möchte, kann dies auf der Seite der DAH. Auch Freunde, Verwandte, Bekannte, Nachbarn, und der Kioskinhaber von neben an sollen davon erfahren – also: WEITERSAGEN!

Blogs zum Thema:
ondamaris – positiv schwul – Ulrich Würdemann
HIV.Blog 2.0 – Marcel Dams
Mein Leben mit HIV/AIDS – Uwe Goerke

Gesund und munter durch die VIII. Gay Games Cologne 2010

Die Veranstalter der VIII. Gay Games Cologne 2010 stellen den 10.000 Teilnehmer/innen und unzähligen Besucher/innen der schwul-lesbischen Wettbewerbe ein umfassendes Angebot zur Prävention von HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten zur Verfügung. „Unsere Gäste sollen keine unerwünschten Andenken aus Köln mitnehmen!“, betont Michael Lohaus, Co-Präsident der VIII. Gay Games Cologne 2010. Dazu haben die Gay Games-Organisatoren einen eigenen HIV-Beauftragten eingesetzt, der die Konzepte und Projekte der einzelnen Träger-Organisationen koordiniert und steuert.

Über 100 ehrenamtliche Mitarbeiter des „fairplay“-Projekts von Herzenslust (AIDS-Hilfe NRW e.V. und Check UP/AIDS-Hilfe Köln e.v.) und der  „ICH WEISS, WAS ICH TU“-Kampagne der Deutschen AIDS-Hilfe e.V. kümmern sich um die Gäste aus aller Welt. In dem Anlass entsprechenden Schiedsrichteroutfits sind sie während der Wettbewerbe, der Eröffnungsfeier und am Abend auf den Partys und in den Kölner Kneipen unterwegs.
„Wir verteilen natürlich auch Kondome, aber das ist nicht alles“, betont der Projektleiter des Fairplay-Teams Felix Laue. ‘ICH WEISS, WAS ICH TU‘ und ‚fairplay‘ stehen für einen verantwortungsbewussten und lustvollen Umgang miteinander.“ Damit der Spaß am Sex möglichst ohne unangenehme Folgen bleibt, leisten die Teams Hilfestellung dabei, das eigene Risikoverhalten besser einzuschätzen. Mit sich und seinen Sexpartnern fair umgehen, lautet die Botschaft.

Die Deutsche AIDS-Hilfe unterstützt die Aktion zudem mit 50.000 Cruisingspacks, produziert Infoflyer und Präventionsspots für die Kölner Gay Games. Die AIDS-Hilfe NRW e.V. steuert Manpower und weitere Medien für die Aktionen bei. Beteiligt sind Herzenslustgruppen aus ganz NRW sowie bundesweite Präventionsteams.
Ein wichtiger Bestandteil ist die bundesweite Beratungshotline unter 0049 (0) 180 33 19411, an der geschulte Mitarbeiter/innen die wichtigsten Fragen zu HIV und AIDS beantworten. Ebenso wird hier Hilfe vermittelt, wenn die Gefahr einer akuten Infektion mit HIV bestanden hat und eine Soforttherapie (PEP) notwendig sein könnte oder wenn HIV-Positive Besucher ihre HIV-Medikamente verloren haben. „Wir können natürlich kein rundum-sorglos-Paket anbieten, aber wir haben es mit unseren Partnern geschafft, für alle wesentlichen Bereiche Informations- und Hilfsangebote auf die Beine zu stellen“, so Lohaus.

Den Veranstaltern der Gay Games sind Integration und solidarischer Umgang auf allen Ebenen wichtig. „Be part of it bedeutet auch, dass wir ein Zeichen setzen müssen hinsichtlich der Rechte und der Benachteiligung von Menschen mit HIV in vielen Ländern der Welt.“ Mit einem Memorial Moment während der Eröffnungszeremonie wird der bisherigen Opfer von Aids gedacht. Im Rainbow Run und mit einer Gedenk-Aktion in der Antoniter-Kirche erinnert die Aids-Hilfe Köln daran, dass von Aids betroffene Menschen nach wie vor Solidarität sowie gesellschaftliche und individuelle Unterstützung brauchen.

Lesung HIV-Blog 2.0 zum CSD Bielefeld 2010

Selbstbewusstsein ist das beste Accessoir – so lautet der Leitspruch des jungen Mannes, der heute Abend im Rahmen der Kulturwoche zum CSD Bielefeld 2010 ins Ratscafé einlädt.

Der diesjährige CSD Bielefeld wird dem Motto, die Masken fallen zu lassen und sich zu ZEIGEN, mit einer Lesung zeitgemäß und digital entgegenkommen: Der 20 jährige Marcel Dams aus Essen ist seit einem Jahr HIV-positiv und führt seitdem ein digitales Tagebuch. Er erklärt, wie er das Web 2.0 generell sieht & warum er es als Medium gewählt hat, sich mit seiner HIV-Infektion öffentlich auseinander zusetzen.

„Ich bin mir sicher, durch ein offenes Leben mit HIV, kann man Diskriminierung abbauen. Nur durch Offenheit stellen die Leute Fragen und Fragen sind gut – denn sie klären auf und bauen gleichzeitig Vorurteile und Ängste ab, die zur Diskriminierung führen! Deshalb habe ich mich entschlossen diesen offenen Weg zu gehen um, zumindest in meinem Wirkungskreis, für Aufklärung zu sorgen!“, so Marcel Dams über seine Motivation zum HIV-Blog 2.0.

Heute, am Mittwoch, 14. Juli 2010 liest Marcel Dams im Bielefelder Kaffeekunst Ratscafé, Niederwall 12 um 19.00 Uhr aus seinem Blog und berichtet über seine Erfahrungen mit den digitalen Plattformen Facebook, Twitter, Youtube, etc..

Aber auch außerhalb seines online Tagebuchs ist Marcel ein viel gefragter Mann. Durch seine offene Art und sein selbstbewusstes Auftreten ist der junge Essener in kurzer Zeit ein wichtiger Bestandteil der Präventionsarbeit in Deutschland herangewachsen. Er unterstützt die DAH bei zahlreichen Aktionen und auf vielen CSDs als aktiver Unterstützer dabei. Schon am Freitag ist Marcel in München unterwegs und unterstützt das Team von IWWIT.

UPDATE: 16.07.2010

Hier der Blogbeitrag von Marcel in seinem HIV Blog 2.0

„Aids ist ein Massenmörder“ – AIDS-Hilfen sind empört!

Das eine bundesweite Kampagne Aufsehen erregen soll, ist sicherlich beabsichtigt. Dass diese aber bereits in den eigenen Reihen auf enormen Widerspruch trifft, eher eine Seltenheit! Die aktuelle Kampagne vom Regenbogen e.V. hat dies allerdings geschafft. Gemeinsam mit der Deutschen AIDS-Hilfe e.V. (DAH) äußert sich die AIDS-Hilfe NRW e.V. gegen die Präventionskampagne “Aids ist ein Massenmörder” und fordert den sofortigen Stopp. Dr. Guido Schlimbach, Pressesprecher der AIDS-Hilfe NRW, bekräftigte gegenüber der Deutschen Presseagentur, dass die Kampagne „ekelerregend“ sei. „Die Aussagekraft und die Zielgruppenansprache der Kampagne ist vollkommen kontraproduktiv. Zudem werden wieder einmal HIV-positive Menschen als alleinige Schuldner der Infektion dargestellt.“, so Schlimbach gegenüber den Medien. Als mehr als bedenklich sieht Schlimbach auch den angeführten Vergleich der Immunschwächekrankheit Aids mit der Massenvernichtung der Juden zur Zeit der Nazis.

Die Kampagne stellt den Diktator Adolf Hitler als „Massenvernichter“, der mit einer Frau Geschlechtsverkehr ausübt, dar. Aber auch Stalin und Saddam sind Teil der Präventionskampagne. Gezeigt werde. soll der Spot, der von der Hamburger Agentur das comitee gefertigt wurde, unter anderem in Kinos du im Abendprogramm diverser Fernsehsender. Plakate und Anzeigenmotive sollen ebenfalls bundesweit zuum Einsatz kommen. Schlimbach weiter: „Eine gute HIV-Prävention sei nur dann erfolgreich, wenn sie die Lebensstile ihrer Zielgruppen anerkenne, sachlich über Infektionsrisiken informiere und somit zum Schutz gegen HIV motiviere.“ Erfolgreiche Kampagnen wie die „Ich weiß, was ich tu“-Kampagne der Deutschen AIDS-Hilfe e.V. zeigen, dass dies funktioniert.

Der Rapper und Musiker BIG DANNY steuert ein eigenes Musikvideo zur Kampagne “Aids ist ein Massenmörder” bei. Hier ein kleiner Einblick – den Kampagnen-Spot findet ihr im Netz. Den möchten wir nicht vorenthalten, aber auch nicht promoten. Über Geschmack lässt sich eben streiten – Am besten ihr bildet euch eure eigene Meinung und diskutiert fleißig mit…

UPDATE – 18.09.09:

Das YouTube-Video können wir an dieser Stelle leider nicht mehr präsentieren. Nachdem der Spot internationale Proteste bei Organisationen und Verbänden ausgelöst hat, haben sich die Betreiber des Videoportals zur Sperrung des Spot entschieden. Eines haben die Macher damit bereits erreicht – es wird über die Aktion gesprochen und berichtet – international sogar! Ob die Botschaft auch ankommt, ist reine Geschmackssache. Aber über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten.