GAY.DE Serie zum WAT 2012: „JETZT KANN ICH MICH FALLEN LASSEN“

Franz (54) ist seit 25 Jahren HIV-positiv. Als er die Diagnose 1987 bekam, war er sich sicher, dass dies sein Todesurteil sei. Tatsächlich verschlimmerte sich sein gesundheitlicher Zustand in den folgenden Jahren drastisch. Durch neue und wirksame HIV-Therapien, die erstmals Mitte der 90er Jahre möglich waren, stabilisierte sich sein Zustand wieder, jedoch musste er wegen der Nebenwirkungen frühzeitig in Rente gehen. Durch seine wirksamen Folgetherapien und regelmäßigen ärztlichen Kontrollen, ist das HI-Virus in seinem Blut seit Jahren praktisch nicht mehr nachweisbar. Das bedeutet, dass er auch kein HIV mehr auf andere Sexpartner übertragen kann. Denn bei einer wirksamen Therapie ist eine Übertragung von HIV sehr unwahrscheinlich: Die Schutzwirkung ist so hoch wie bei Kondomen, denn wo keine Viren sind, kann es auch keine Ansteckung geben.

Im Interview erzählt Franz, wie er die medizinischen Entwicklungen erlebt hat und wie sich sein (Sex-)Leben dadurch verändert hat.

Franz, du hast dich 1987 mit HIV infiziert. Durch die erfolgreiche medikamentöse Therapie ist deine Viruslast nun schon mehrere Jahre unter der sogenannten Nachweisgrenze. Damit bist du nach aktuellen medizinischen Erkenntnissen praktisch nicht mehr ansteckend, kannst HIV also selbst bei kondomlosen Sex nicht mehr auf deinen Partner übertragen. Was hat sich dadurch bei dir verändert?

Das hat vor allem den Umgang mit meinen Partnern wieder leichter und den Sex intensiver gemacht. Vorher war da eben immer die Angst, dass etwas passieren könnte. Jetzt kann ich mich mehr fallen lassen, kann es mehr genießen. Das ist definitiv so. Es hat an Qualität gewonnen. In meinem Alter ist mir Qualität eh wichtiger als Quantität. Ich muss mir auch nicht mehr ständig Sorgen um meinen gesundheitlichen Zustand machen, weil ich weiß, dass die HIV-Therapie wirkt, und ich bin ja deshalb insgesamt auch viel gesünder.

Die „gute Nachricht“, dass man bei einer Viruslast unter der Nachweisgrenze nicht mehr infektiös ist, wurde ja erst 2008 „offiziell“ bekannt gemacht. Hast du das gleich für dich klar gehabt und in deine Lebenspraxis umsetzen können?

Nein, überhaupt nicht. Für mich war das erst mal eine sehr große Umstellung. Ich habe ja diese alte Sichtweise auf Aids und HIV noch sehr stark mitbekommen. Als ich vor 25 Jahren mein positives Testergebnis hatte, kam das ja fast noch einem Todesurteil gleich. Ich habe mein Leben nur noch für sechs, sieben Jahre geplant, länger war die Lebenserwartung damals nicht. Wirksame Therapien gibt es ja erst seit Mitte der 90er Jahre. Und meine Erfahrungen vorher haben mich ja auch sehr geprägt. Das sitzt ganz tief, das schüttelt man nicht einfach so ab. Und dann muss man plötzlich umdenken: „Mensch, ich hab zwar noch dieses HIV, aber ich bin nicht mehr ansteckend … .“ Das erst mal in den Kopf zu kriegen, das braucht seine Zeit, das war ein langer Lernprozess für mich.

Du hast vor 18 Jahren deinen Partner kennengelernt. War HIV damals ein großes Thema für euch?

Für mich ja. Ich hatte einfach Angst davor, dass ich ihn anstecken könnte, obwohl wir immer aufgepasst und Safer Sex gemacht haben. Aber die Angst sitzt dir dennoch im Nacken, denn es kann ja trotzdem immer was passieren, zum Beispiel, dass ein Gummi reißt oder beim Blasen doch Sperma in den Mund kommt. Bei ihm war das allerdings anders. Er sagte mir ganz deutlich, dass das für ihn nichts ändern würde, dass es für ihn keine Rolle spielt, dass ich HIV-positiv bin. Das war für mich entscheidend: Das da jemand war, der keine Angst vor mir hatte, weil ich HIV habe. Dann kam aber irgendwann der Moment, der mich sehr geschockt hat. Nach vier Jahren haben wir den Bescheid bekommen, dass er sich angesteckt hat. Wir wussten nicht, ob durch mich oder ob es schon vor unserer Beziehung war. Trotzdem. Das war so ein Schock für mich, ich habe mir so sehr die Schuld gegeben, dass ich mir gesagt habe: Mit Sex läuft erst einmal gar nichts mehr! Wir hatten dann auch jahrelang keinen Sex mehr.

Hat dein Freund dir damals Vorwürfe gemacht, die Verantwortung bei dir gesucht?

Nein, überhaupt nicht! Er hat gesagt, dass es klar war, dass es vielleicht passieren kann, dass er sich auch infiziert. Er geht mit so was aber auch generell anders um als ich. In seiner Familie gibt es eine längere Geschichte mit chronischen Erkrankungen wie zum Beispiel Diabetes. Und natürlich auch mit Untersuchungen und Therapien, die damit zusammenhängen. Daher war seine Sicht auf die Sache wohl eine andere als bei mir. Ich habe mir aber damals das Leben zur Hölle gemacht. Für mich war das ein ziemlicher psychischer Druck, weil ich mich ständig fragte, ob und wann ich ihn eventuell angesteckt habe, was ich hätte anders machen müssen. Wir wissen aber bis heute nicht, ob er sich in unserer Beziehung angesteckt hat oder bereits davor, bei jemand anderem. Es spielt auch keine Rolle mehr für uns.

Mittlerweile führt ihr eine offene Beziehung und seid oft in der Szene unterwegs. Wenn du dort Sexpartner hast, machst du dann deine HIV-Infektion von dir aus zum Thema?

Ich thematisiere es, wenn mich wirklich jemand näher kennenlernen will und sich daraus vielleicht etwas entwickelt, sei es eine bessere Bekanntschaft oder eine Freundschaft. Bei Sexpartys oder Dates kläre ich vorher, dass ich zwar positiv, aber durch die Therapie nicht mehr infektiös bin. Sicher kann das auch ein Schuss in den Ofen sein, wenn man jemandem zu sehr vertraut und der dann damit nicht umgehen kann. Aber so ist das dann eben.

Wenn du das bei potenziellen Sexpartnern ansprichst und dann sagst, dass du „nicht infektiös“ bist: Weiß da jeder sofort, was damit gemeint ist und was das praktisch bedeutet?

Es gibt schon einige, die das nicht verstehen und auch über die medizinischen Fortschritte da nicht besonders Bescheid wissen. Ich versuche das dann zu erklären. Aber das ist noch nicht in allen Köpfen angekommen. In der Leder- und Fetischszene – in der ich mich ja hauptsächlich bewege – ist das Wissen darüber allerdings schon sehr verbreitet.

Wieso gerade dort?

Die sexuellen Praktiken können hier einfach schon mal heftiger ausfallen. Die Spielvarianten sind vielfältiger. Egal, ob es um SM, Fisten oder andere Sachen geht. Die Übertragungsrisiken können andere sein als beim „konservativen“ Sex. Deshalb sind die Leute dort meistens sehr gut informiert, man geht generell damit offener in der Fetisch-Szene um.

Was bedeutet für dich Verantwortung in Bezug auf Sex?

Ich sorge dafür, dass ich immer unter der Nachweisgrenze bin. Dass ich nicht „ansteckend“ bin. Ich lasse das regelmäßig ärztlich kontrollieren. Ich lasse mich auch regelmäßig auf alle anderen sexuell übertragbaren Infektionen checken, auch auf Hepatitis C. Was ich persönlich gar nicht mag, sind Männer, die vielleicht vier, fünf oder mehr Sexpartner an einem Wochenende wollen. Das ist nichts für mich. Ich muss mir ja nicht mit Gewalt was holen. Oder Typen, die rumdrucksen, ob sie sich mal haben testen lassen. Wer für sich selbst keine Verantwortung übernimmt – wer sich also nicht testen lässt, um zu wissen, was mit seiner Gesundheit ist –, der übernimmt auch für andere keine Verantwortung, denke ich. Und das törnt mich eher ab. Wenn ich sexuell sehr aktiv bin, viele Sexpartner habe, dann sollte ich mich schon regelmäßig testen lassen. Für mich selbst, aber eben auch für andere.

Und wie gesagt, ich thematisiere meinen HIV-Status, sodass der andere entscheiden kann, ob er mit mir Sex haben will oder auch nicht. Ich erkläre auch, dass ich unter der Nachweisgrenze bin und was das praktisch bedeutet.

Das Thema „Nichtinfektiosität bei Viruslast unter der Nachweisgrenze“ scheint auch noch nicht bei allen Staatsanwälten und Richtern angekommen zu sein. Noch immer gibt es Urteile gegen HIV-Positive, die wegen versuchter Körperverletzung verurteilt werden, selbst wenn ihre Viruslast unter der Nachweisgrenze ist und es somit gar keine Möglichkeit gab, die HIV-Infektion zu übertragen. Ich kenne da einige Urteile aus Bayern, woher ich ja komme. Da lassen viele Richter ihre eigenen moralischen Anschauungen in die Urteile einfließen. Wenn man manche der Urteile liest, dann wird das deutlich. Man muss vor Gericht anerkennen, dass jemand, der unter der Nachweisgrenze ist, nicht mehr ansteckend ist. Es ist unerträglich, dass Positive automatisch in so eine kriminelle Ecke gestellt werden.

Fühlst du dich da diskriminiert?

Klar. Mir wird da so eine Megaverantwortung auferlegt. Ich bin seit sechs Jahren unter der Nachweisgrenze. In der Zeit habe ich nun ganz sicher niemanden infiziert. Das muss anerkannt werden, denke ich.
Und diese Urteile sind ganz klar kontraproduktiv: Ich kenne Leute, die sich nicht mehr testen lassen, damit sie ihren Status nicht kennen und man ihnen gerichtlich nichts kann. Das kann doch nicht der Sinn sein! Das ist ja eher schlecht für die Prävention, weil die sich dann natürlich auch nicht mehr auf andere sexuell übertragbare Infektionen testen lassen.

Aber es geht mir noch um etwas anderes, nämlich um das generelle Thema der Verantwortung.

Du meinst die Verantwortung, die man beim Sex hat?

Ja. Und die trägt jeder erst mal für sich ganz alleine. Man kann nicht davon ausgehen, dass das der andere für einen übernimmt. Ein Beispiel: Irgendwann beim Sex gibt’s die Situation, wo wir zum Kondom greifen oder eben nicht. Das bekommen ja beide ganz bewusst mit. Da hat für sich jeder in dem Moment zu entscheiden, will ich das oder will ich das nicht. Sag ich was oder sag ich nichts? Und wenn ich eben nichts sage, weil ich es will, dann habe ich dafür in dem Moment auch die Verantwortung zu übernehmen. Für mich ganz alleine. Es ist egal, ob mein Sexpartner positiv oder negativ ist, ob er unter der Nachweisgrenze ist oder nicht. Es gibt da auch keine Auskunftspflicht. Der andere könnte ja auch HIV-positiv sein oder eine andere sexuell übertragbare Infektion haben und das gar nicht wissen, weil er nicht getestet ist. Daher muss ich in jeder Situation für mich selbst entscheiden, was ich will und was nicht und muss das auch ganz klar äußern. Nachher jemanden verantwortlich zu machen oder gar vors Gericht zu zerren, bringt mir ja dann auch nicht mehr wirklich was. So läuft es einfach nicht. Wir sind erwachsen. Also, übernehmt Verantwortung! Für euch selbst!

(Interview  und Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung der Deutschen AIDS-Hilfe)

HIV-Infektionen sinken wieder – Zielgruppenprävention wirkt!

Zum Welt-Aids-Tag wirbt nicht nur die AIDS-Hilfe NRW für Akzeptanz und Normalisierung. Weltweit werden Aktionen und Kampagnen gestartet, Informationsstände und Infoveranstaltungen mit Leben gefüllt und zahlreiche kulturelle und interessante Veranstaltungen durchgeführt.
Wie die AIDS-Hilfe Nordrhein-Westfalen in einer aktuellen Presseinformation mitteilt, ist die Zahl der HIV-Neuinfektionen in  NRW weiter rückläufig. Nachdem  sie  von 2001 bis 2007 angestiegen war, nimmt sie nun weiterhin ab.

Bis Ende des Jahres 2011 werden sich in NRW voraussichtlich 650 Menschen mit HIV infiziert  haben. Dies teilte das Berliner Robert Koch Institut (RKI) im Vorfeld des Welt-Aids-Tags mit. „Wir freuen uns, dass die statistischen Erhebungen unsere Einschätzung belegt, dass die Präventionsanstrengungen der Aidshilfen und ihrer Partner auf einem guten Weg sind“, sagte Patrik Maas, Landesgeschäftsführer der AIDS-Hilfe NRW. „Der Anstieg in den letzten Jahren ging einher mit dem Ausbau unserer Beratungs- und Testangebote, die gerade von schwulen Männern in Anspruch genommen wurden“, erklärte Maas.

Fast Dreiviertel der Neuinfektionen in NRW (72 %) fallen auf die Gruppe der Männer, die Sex mit Männern (MSM) haben. „Daher wird die AIDS-Hilfe NRW vor allem ihre HerzenslustKampagne fortsetzen, um weiterhin  schwule Männer  zu  befähigen, eigenverantwortlich mit ihrer Sexualität umzugehen“, erläuterte Maas weiter.

Daneben gilt es aber auch, Menschen mit HIV noch besser als bisher zu erreichen. Insgesamt lebten noch nie so viele Menschen mit HIV in Nordrhein-Westfalen wie heute, laut RKI sind es etwa 17.500. Dank neuer Therapien hat sich das Leben von Betroffenen bis heute stark verändert. Doch Stigmatisierung und Diskriminierung sind nach wie vor allgegenwärtig. Darauf macht die aktuelle Welt-AidsTags-Kampagne aufmerksam. HIV-infizierte Menschen tragen als Botschafterinnen und Botschafter auf Plakaten und Flyern das Thema Aids in die Öffentlichkeit und berichten über ihr Leben mit dem Virus.

Die steigende Zahl an Menschen mit HIV (keine Neuinfektionen!) veranlasst die AIDS-Hilfen, zukünftig mehr in die Arbeit mit Positiven und für sie zu investieren. Denn immer mehr Menschen mit HIV benötigen immer mehr Unterstützung und Beratung.

Anlässlich des WAT2011 werden wir jeden Tag ein neues Bild mit der entsprechenden Information posten. Dabei möchten wir darauf aufmerksam machen, dass die HIV-Übertragung oftmals unterschätz – aber ebenso sehr überschätzt wird.

Welt-Aids-Tag 2011: Keine Angst beim Küssen!

Ein Küsschen zur Begrüßung – Unter Freunden und Kollegen macht man das eben so. Einen intensiven Zungenkuss gibt man in der Regel nur dem eigenen Partner, aber auch wenn mal bei einem One-Night-Stand die Zunge im Mundraum des anderen verschwindet ist das Ok.

Auch wenn das Risiko eine HIV-Infektion nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann, weltweit ist kein Fall bekannt, bei dem ein Kuss als Übertragungsweg ausgemacht werden konnte.

Im Alltag gibt es immer wieder offensichtliche Diskriminierung gegenüber HIV-Positiven.  Im Beruf haben viele Betroffene Angst sich zu „outen“, aber auch im Privatleben existieren viele Vorurteile und Unwissen über die Virusinfektion.
So können sich Infizierte und Nicht-Infizierte unbedacht die Hände zur Begrüßung reichen, denn ein Haut- oder gar Körperkontakt allein reicht nicht aus, um sich zu infizieren.

Auch im (Berufs-)Alltag braucht es keinerlei Befürchtungen geben. Anders als bei einer Grippe, ist eine Übertragung des HI-Virus durch eine sogenannte Tröpfcheninfektion nicht möglich. Ein Anhusten oder Niesen ist demnach unbedenklich.
Wer also mit einem HIV-Positiven zusammen lebt, arbeitet oder die Freizeit verbringt, der gehört keiner Risikogruppe an – Nur leider wissen dies noch längst nicht alle unserer Mitmenschen.

Anlässlich des WAT2011 werden wir jeden Tag ein neues Bild mit der entsprechenden Information posten. Dabei möchten wir darauf aufmerksam machen, dass die HIV-Übertragung oftmals unterschätz – aber ebenso sehr überschätzt wird.

Positiv zusammen leben. Aber sicher!

Marcel Dams ist einer der Botschafter zum WAT 2011

Marcel Dams ist einer der Botschafter zum WAT 2011

Die heute in Berlin vorgestellte Kampagne zum Welt-Aids-Tag 2011, wirbt für mehr Toleranz und Respekt gegenüber HIV-positiven Menschen. Im Mittelpunkt stehen HIV-positive Menschen, die offen über ihre Erfahrungen mit der HIV-Infektion berichten. Mit Fragen wie “HIV-positiv und Mutter sein?” oder “HIV-positiv und Arbeiten?” stellen sie sich auf Plakaten sowie in einem Kino- und TV-Spot mutig der Öffentlichkeit. Ziel dieser europaweit einzigartigen nationalen Kampagne ist es, Stigmatisierung und Diskriminierung abzubauen und HIV/AIDS innerhalb unserer Gesellschaft zum Thema zu machen. Es ist eine gemeinsame Kampagne des Bundesministeriums für Gesundheit, der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, der Deutschen AIDS-Hilfe und der Deutschen AIDS-Stiftung.

“Eine wesentliche Voraussetzung für erfolgreiche Aidsprävention war und ist ein offener und diskriminierungsfreier Umgang mit HIV-infizierten und an AIDS erkrankten Menschen. Auch deshalb hat Deutschland eine der niedrigsten Neuinfektionsraten Europas. Sie wird auf rund 3.000 Neuinfektionen geschätzt “, erklärte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr anlässlich des Kampagnenstarts. “Mit der Kampagne wollen wir noch immer vorhandene Ängste abbauen. Wichtig ist, dass wir die Menschen weiterhin gut über die Infektion, Übertragungswege und Schutzmöglichkeiten informieren. Denn wer gut informiert ist, kann Gefahren realistisch einschätzen und neigt nicht dazu, Menschen wegen irrationaler Ängste auszugrenzen. Jeder und jede von uns kann etwas tun, um Diskriminierungen abzubauen und Solidarität zu zeigen. Zum Beispiel, indem man als Botschafter für diese Kampagne wirbt, die rote Schleife trägt oder sich ehrenamtlich engagiert. Nicht nur am 1. Dezember, sondern an jedem Tag im Jahr.”

“Der Umgang mit Betroffenen ist in Deutschland auch heute noch längst nicht immer ‚normal’. Zwar hat sich seit Beginn der Aidsaufklärung ein gesellschaftliches Klima gegen Stigmatisierung und Diskriminierung etabliert. Aber immer noch erfahren von HIV betroffene Menschen in ihrem Alltag Diskriminierung und sprechen aus Angst davor nicht über ihre Infektion”, betonte
Prof. Dr. Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. “Mit unserer Kampagne wollen wir Offenheit und Solidarität in der Gesellschaft fördern und Betroffenen Mut machen, ihre Infektion zu thematisieren. Ganz herzlich danke ich daher unseren Botschafterinnen und Botschaftern, die eindrucksvoll von ihren alltäglichen Erfahrungen berichten und so dazu beitragen, dass die Menschen in Deutschland verantwortungsvoll mit dem Thema HIV/AIDS umgehen.”

Derzeit leben in Deutschland nach Schätzungen des RKI rund 70.000 Menschen mit HIV und AIDS. Carsten Schatz, Vorstandsmitglied der Deutschen AIDS-Hilfe erläuterte: “Experten schätzen, dass zwei Drittel der HIV-Infizierten in Deutschland arbeiten. Aber auch heute noch trauen sich viele von ihnen nicht, sich zu outen. Am Arbeitsplatz ist die Angst Betroffener vor Mobbing oder dem Karriereknick besonders groß. Unternehmensleitlinien für den Umgang mit HIV-Positiven wären ein Schlüssel zum respektvollen Umgang miteinander und ein Beitrag zur wirksamen Prävention von Diskriminierung und Stigmatisierung.”

Die Kampagne “Positiv zusammen leben. Aber sicher!” berichtet auf 25.000 Plakaten, in Flyern und auf Postkarten über die Erfahrungen der 12 Botschafterinnen und Botschafter im Familien- und Freundeskreis sowie im Arbeitsleben, über HIV und die Behandlung, über Ausgrenzung, aber auch über Solidarität und Unterstützung. Alle Interessierten sind eingeladen, auf dem Kampagnenportal ihre Meinung zu sagen, mitzudiskutieren und sich über HIV/AIDS zu informieren.

Mehr über das Marcel und sein Leben erfahren.

Wild Germany: Bugchasing

Er sucht nach Opfern ritueller Gewalt, die seit ihrer Kindheit in satanistischen Zirkeln gequält werden. Er Spricht mit islamistischen Rappern, die in ihren Texten ihren Hass verdeutlichen. Und er sucht nach Männern, die sich willentlich mit dem HI-Virus infizieren wollen…

Manuel Möglich ist ZDFneo-Reporter und zeigt in sechs Folgen, was in Deutschland so alles passiert aber bisher selten Beachtung fand. Manuel ist mitten im Geschehen, immer live dabei. Er geht schrägen Gerüchten auf die Spur und deckt so einige (bisher unbekannte) Phänomene auf.
Aufgefallen sind uns seine Reportagen beim Deutschen Fernsehpreis 2011. Als Nominierter in der Kategorie „Beste Reportage“ ist sein Beitrag zum Thema Bugchasing aufgefallen, den wir Euch nicht vorenthalten möchten.

Dabei möchten wir darauf verweisen, dass wir mit diesem Beitrag weder Personengruppen diskriminieren noch vorführen wollen. Wir möchten lediglich objektiv berichten und deutlich machen, dass das HI-Virus allgegenwärtig ist. Wer sich allerdings wie den Gefahren aussetzt – dahingehend können wir nur an Euer eigenen Gewissen appellieren.

Auf der Suche nach Bugchasern, also Männer die sich wissentlich mit dem HI-Virus infizieren wollen, zieht es Manuel zu Recherchezwecken zum Robert-Koch-Institut. Er trifft sich mit HIV-Positiven und spricht das Thema Bugchasing offen an. Bei Claude, einem Infizierten, erfährt er, dass regelmäßige Sexpartys veranstaltet werden – Verhütung spielt dabei allerdings keine Rolle. Auch bei Tobias und René aus Leipzig ist der Umgang mit dem Virus anders. Beide sind positiv, beide haben ungeschützten Verkehr, beide haben schon andere mit deren Einverständnis infiziert. Bugchasing – eine Art Russisch Roulette. Zumindest für den der noch nicht infiziert ist.

AIDS gehört zu einen der weltweit verbreitetesten Krankheiten.  Sie ist gefährlich und wir möchten die Arbeit der AIDS-Hilfen und Institutionen auch weiterhin unterstützen. Aufklärung und Prävention können dazu beitragen, dass Neuinfektionen vermieden werden. Allein daher möchten wir Euch die Folge zu „Bugchasing“ nicht vorenthalten:

Laut UNAIDS haben sich innerhalb der letzten 30 Jahre der Pandemie rund 60 Millionen Menschen weltweit mit dem HI-Virus infiziert, 25 Millionen sind bereits an der Immunschwächekrankheit gestorben. Nach aktuellen Informationen des Robert-Koch-Instituts sind derzeit rund 70.000 Menschen in Deutschland infiziert. Allein im Jahr 2010 sollen mehr als 3000 Deutsche neu mit dem HI-Virus infiziert haben.

Dr. Ulrich Marcus (RKI) antwortet:
Infiziertenzahl – Infektionsgefahr – Behandlung – Bugchasing
Zu den anderen fünf Reportagen von Manuel Möglich.

Medienpreis der Deutschen AIDS-Stiftung verliehen

Die Deutsche AIDS-Stiftung hat am Mittwoch ihren Medienpreis 2009/2010 für vier journalistische und künstlerische Beiträge sowie ein Schülerprojekt zum Thema HIV/AIDS verliehen. Die Preisträger erhielten im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung des Deutsch-Österreichischen AIDS-Kongresses in Hannover (GAYS.DE berichtete) ihre Urkunden, die ihnen Welt-AIDS-Tags-Botschafterin Christiane Paul zusammen mit Thomas Fischer für den Sponsor Boehringer Ingelheim und der niedersächsischen Sozialministerin Aygül Özkan überreichte. Der Preis ist mit insgesamt 15.000 Euro dotiert, der Sonderpreis für Schülerarbeiten mit 3.000 Euro.

Ausgezeichnet wurden die Fernsehdokumentation „Ich bleibe immer positiv! Starke Frauen mit HIV“ von Annette Heinrich, gesendet in der ZDF-Reihe 37 Grad am 26.10.2010 – den Preis teilen sich die Autorin Annette Heinrich und der Kameramann Philip Flämig, die Reportage „Der alte Mann und das Virus“ von Viola Volland, veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung am 1. Dezember 2009, die Publikation „ARTWORK. Die Umstellungssprechstunde“ von Siegfried Schwarze, die regelmäßig als Beilage zur Publikation „Projekt Information“ erscheint sowie das Straßenbahnprojekt „AIDS braucht positive Gesichter“ der Selbsthilfegruppe der Braunschweiger AIDS-Hilfe, gestartet am 31. Oktober 2009. Erstmals hatte die Stiftung auch den Sonderpreis für Schülerarbeiten „HIV/Aids – Weißt Du Bescheid?“ ausgelobt. Ihn erhalten ein Oberstufenseminar und die Theatergruppe der Mittelstufe am Carl-Orff-Gymnasium in Unterschleißheim. Sie realisierten im Jahr 2010 gemeinsam Aktionen zum Thema „HIV in Südafrika“ und das Theaterprojekt  „Rainbow Nation – HIV in Südafrika“.

Seit 1987 verleiht die Deutsche AIDS-Stiftung ihren Medienpreis für herausragende Beiträge zum Thema HIV/AIDS. Bisher hat sie mehr als 70  Medienschaffende ausgezeichnet. Die Deutsche AIDS-Stiftung mit Sitz in Bonn hilft bundesweit Frauen, Männern und Kindern mit HIV und AIDS in individuellen finanziellen Notlagen. Sie unterstützt außerdem Projekte für betroffene Menschen in Deutschland und ausgewählte internationale Projekte im südlichen Afrika. (Foto: DÖAK2011; Andreas Keudel)

30 Jahre HIV – Dennoch ein Erfolg in Deutschland

Die Immunschwächekrankheit Aids hat Geburtstag. Auch wenn der Anlass eigentlich kein erfreulicher ist, so gibt es Grund zur Freude. Seit mittlerweile drei Jahrzehnten hat die Deutsche AIDS-Hilfe erfreuliche Nachrichten zu verkünden: Die Infektionszahlen sind relativ gering, die Präventionsarbeit ist wirksam und die medizinischen Behandlungen können immer neue Fortschritte verbuchen.

Vor 30 Jahren – im Juni 1981 – berichtete ein Arzt erstmals über Aids. Aktuellen Schätzungen zu Folge sind seither rund 25 Millionen Menschen weltweit an dem Hi-Virus  gestorben.  Laut Robert-Koch-Institut haben sich in Deutschland mehr als 90.000 Menschen mit dem Virus infiziert, über 25.000 Verstorbene sind zu vermelden. Heute leben ca. 70.000 HIV-Positive in Deutschland, die meisten von ihnen werden nicht sterben, wie das RKI mitteilte.

Was in den letzten dreißig Jahren alles erreicht wurde, das könnt Ihr im Blog der Deutschen AIDS-Hilfe nachlesen.

Deutsche GAYS wissen viel, könnten aber öfter

Schwule und bisexuelle Männer in Deutschland sind was sie sind: aufgeklärt, informiert und tolerant. Die Mehrheit lebt offen schwul (immerhin 64,5%) und versteckt sich nicht mehr hinter der eigenen sexuellen Orientierung. Männer, die Sex mit Männern haben sind zudem gut informiert, wenn es um das Thema HIV geht (98,5%) und sehen den eigenen Partner als den heißesten Typen in ihrem (Sex-) Leben.

Zu diesem Ergebnis ist die erste Auswertung des ersten großangelegten Community-Reports (Teil 1) von EMIS gekommen. Mehr als 180.000 Schwule und bisexuelle Männer haben an der europaweiten Studie teilgenommen, die in Deutschland unter anderem vom Robert-Koch-Institut und der Deutschen AIDS-Hilfe unterstütz wurde (GAYS.DE berichtete). Auf Europäischer Ebene haben neben WHO, ECDC und EAHC auch viele nationale Entwicklungsdienste und Forschungszentren mitgewirkt.

Bereits im Sommer dieses Jahres, wurde die größte Online-Umfrage aller Zeiten unter schwulen und bisexuellen Männern in Europa gestartet. Das EMIS-Team ist erfreut über die überdurchschnittlich große Teilnahme. Allein in Deutschland nahmen mehr als 55.000 Männer ab 18 Jahren an der Umfrage teil, die auch von GAYS.DE unterstütz wurde.

Unter den Befragten outeten sich 8% der Deutschen als HIV-positiv. Keine repräsentative Zahl im Vergleich zur Gesamtzahl der an HIV-Infizierten in der Bundesrepublik, aber ein aussagekräftiges Ergebnis im Hinblick auf die weiteren wissenschaftlichen Auswertungen. So auch der in der Umfrage erhobene Wert der HIV-Tests innerhalb der letzten 12 Monate. Mit einem Anteil von 33,8% der Befragten liegt Deutschland damit im europäischen Durchschnitt.

Erstaunt war das EMIS-Team über die Aussage, dass der eigenen Partner für die meisten Befragten an erster Stelle steht. Dicht gefolgt vom Vize-Hotty, der Befragte selbst und etwas abgeschlagen an dritter Stelle US-Schauspieler Brad Pit.  Zum heißesten Deutschen wurde in der Umfrage übrigens Fußballer Lukas Podolski gewählt. Dennoch ließen nur 61,6% der Teilnehmer wissen, dass sie mit ihrem eigenen Sexualleben vollends zufrieden sind. Die restlichen 38,4% könnten also noch öfter und möchten Deutschland von Platz zehn weiter nach vorne drängen…

Den zweiten Teil des Community-Reports könnt Ihr im Frühjahr bei uns nachlesen. Das Endergebnis der Studie wird voraussichtlich im September 2011 veröffentlicht.

Positiv zusammen leben – aber sicher!

Die Rote SchleifeDie neue Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zum Welt-Aids-Tag, die gemeinsam mit dem Bundesministerium für Gesundheit, der Deutschen AIDS-Hilfe und der Deutschen AIDS-Stiftung durchgeführt wird, ist erfolgreich angelaufen. Sie wurde von Bundesgesundheitsminister Dr. Philipp Rösler am 1. November gestartet.(GAYS.DE berichtete)

Unter dem Motto “Positiv zusammen leben – aber sicher!” stellt die Kampagne HIV-positive Menschen und deren Bezugspersonen vor, die authentisch Einblick in ihr Leben geben. Auf der Kampagnenplattform berichten sie als Botschafterinnen und Botschafter in Online-Clips aus ihrem Leben und stehen für Fragen zur Verfügung. Auf 25.000 Plakaten, in Anzeigen und Flyern, auf Postkarten sowie auf Veranstaltungen werben die Botschafterinnen und Botschafter im Rahmen des Welt-Aids-Tags für aktive Solidarität mit Menschen mit HIV und Aids.

“Die Kampagne hat bereits etwas in Bewegung gesetzt”, berichtet Kampagnenbotschafter Kay, der sich öffentlich engagiert, von seinen Erfahrungen. “Solidarität breitet sich aus und schon jetzt trauen sich mehr Menschen mit HIV, auch öffentlich von ihrer Infektion zu berichten. Ich werde in Gesprächen auf mein Engagement angesprochen und zu Veranstaltungen und Aktionen aus Anlass des Welt-Aids-Tages eingeladen.”

Markus freut sich, dass er als Botschafter der Kampagne einen wichtigen Beitrag leistet, um Stigmatisierung und Diskriminierung abzubauen: “Auch wir Positiven müssen uns verändern. Wir sind aufgefordert, uns zu zeigen und an die Öffentlichkeit zu gehen”, davon ist Markus überzeugt. Kampagnenbotschafter Dirk setzt sich besonders für das Thema “HIV am Arbeitsplatz” ein. Er weiß von vielen Fällen, in denen Menschen ihren Job aus vorgeschobenen Gründen verloren haben. Er selbst ist am Arbeitsplatz immer offen mit seiner Infektion umgegangen und hat dort in den letzten Wochen große Anerkennung erfahren. “Meine Vorgesetzten haben mir zu meinem Engagement gratuliert. Ich hoffe, dass auch die Verantwortlichen in anderen Unternehmen für chronisch kranke Menschen ein Klima der Offenheit herstellen, in der Kranke nicht ausgegrenzt werden.” Botschafter Matthias unterstützt diese Aussage: “Es gibt keine ‚richtigen’ und keine ‚falschen’ Krankheiten, es gibt nur richtigen oder falschen Umgang damit.”

Das interaktive Kampagnenportal lädt zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember und darüber hinaus zu aktiver Beteiligung und zu Diskussionen ein und stellt die Plattform für eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung über HIV und AIDS zur Verfügung. Die Resonanz der bereits über 12.700 Botschafterinnen und Botschafter, die sich inzwischen für die Kampagne im Internet registriert haben, ist durchweg positiv. Sie nutzen das Portal, um mit HIV-positiven Menschen in Kontakt zu treten, indem sie Kommentare schreiben und Fragen stellen. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, die eigenen Statements inhaltlich zu vertiefen und eigene Erfahrungen mit HIV und Aids in Form eines selbstgedrehten Handyvideos zu veröffentlichen.

Der Welt-Aids-Tag wurde von den Vereinten Nationen ausgerufen und wird seit 1988 weltweit jedes Jahr am 1. Dezember begangen. Die neue Kampagne “Positiv zusammen leben – aber sicher!” wird vom Verband der privaten Krankenversicherung e.V. (PKV) und dem Fachverband Außenwerbung (FAW) unterstützt. Sie ist auf mehrere Jahre angelegt. (PM/BZgA)

Thierse wird Schirmherr von KIRCHE positHIV

Als Nachfolger von der im März verstorbenen Dr. Hanna Renate Laurien, tritt Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse die Schirmherrschaft der Aids-Initiative KIRCHE poitHIV an. Im Rahmen eines Gottesdienstes zum Welt-Aids-Tag 2010 wird Thierse sein Amt übernehmen und die Predigt in der Kirche am Lietzensee in Berlin Charlottenburg halten.

Der Gottesdienst findet am Sonntag, 28. November 2010 um 18:30 statt und steht unter dem Motto: „Steh auf und iss!“. Musikalisch begleitet wird er unter anderem von Supertalent-Finalist Carlos Fassanelli und Stephan Heinroth.

Gegründet wurde KIRCHE poitHIV 1993 von einer evangelischen Pfarrerin. Dorothea Strauss, damals Aids-Beauftragte der EKBO erhielt für Ihren Einsatz und Ihr immerwährendes Engagement 2000 das Bundesverdienstkreuz verliehen.