Wie akzeptierend sind wir denn, die Herren?

- Ein Kommentar von Malte Bornhöft (freier Autor u.a. für Siegessäule und Du&Ich) zur aktuellen Diskussion auf der Facebook-Seite von ICH WEISS WAS ICH TU. -

Couragiert und mutig sind die IWWIT-Aktionen bisher ja gewesen: Kontroverse Themen, polarisierende Thesen, charakterstarke Rollenmodelle.

Nun heißt es also „Selbstbewusst! Einzigartig!“ Damit soll die Akzeptanz innerhalb der schwulen Community diskutiert werden. Und es ging gleich ziemlich ab auf Facebook.

Hand aufs Herz: Wie tolerant sind wir wirklich?  
Scheinbar gegensätzliche Paare sehen wir auf den Anzeigen- und Fotomotiven: Der Student trifft auf den Lederkerl, die Dragqueen auf den Heterotyp oder der Jungboy auf den Daddy.
Tatsächlich begegnen uns in der Szene solche gegensätzlichen Paare – und gar nicht so selten.
Aber reagieren wir alle immer so, wie man es von toleranten, aufgeklärten Schwulen erwarten dürfte? Ich sage Nein. Es wird gelästert, getuschelt, gehetzt und gelacht. Hmm…eigentlich komisch. Denn gehören wir nicht alle einer Minderheit an, die für Akzeptanz und Respekt innerhalb der gesamten Gesellschaft kämpft – für Gleichberechtigung zwischen LGBTs und Heteros? Da sollte man meinen, es gäbe ein Mindestmaß an Toleranz, Respekt und Akzeptanz
innerhalb der eigenen Reihen. Doch manchmal ist davon nur wenig zu spüren. Die Diskussion auf Facebook vor wenigen Tagen zum Auftakt der IWWIT-Aktion hat das ganz gut gezeigt.

So schreibt Henning: „…muss ich als „Schwuler“ toleranter sein wie als „Normaler“ Mensch? Oder einfach nur weil es „politisch korrekt“ ist? Muss ich daher jemandem gegenüber toleranter sein, bloß weil mein Gegenüber zufälligerweise auch das eigene Geschlecht in seinem Sexualleben bevorzugt?“

Immer politisch korrekt sein nervt
Klar, ständig politisch korrekt zu sein, kann natürlich auch anstrengen. Immer darauf zu achten, niemandem auf den Schlips zu treten, nie etwas sagen zu können, ohne gleich Applaus von der einen Seite und Buhrufe von der anderen Seite zu ernten auch. Meiner Meinung nach, nimmt das „Gendering“ und die „political correctness“ manchmal Überhand und hemmt einen selbst, sich innerhalb der Community „frei“ zu bewegen. Nur weil ich zufällig auch schwul bin, muss ich ja nicht alles toll finden, was mir in der Szene begegnet. Und natürlich darf man das auch äußern. Wieso nicht? Wer sollte einem das verbieten? Doch der springende Punkt ist doch, bleibe ich bei dem, was ich mag oder nicht mag noch respektvoll? Und da hört dann der Spaß eben bei mir auf: Wenn es um Diskriminierung einzelner Gruppen innerhalb der Community geht. Ein Reizthema unter Schwulen ist ja zum Beispiel die Definition der Männlichkeit.

“Dürre Schwuletten mit abgeknickten Ärmchen“ 
Während der Diskussion auf Facebook hat mir so manches Mal der Atem gestockt. Musste ich doch einige abwertende und extrem ausgrenzende Kommentare lesen, die mir zeigten, dass Akzeptanz unterschiedlicher „Mannsbilder“ bei so manchem von uns so gut wie gar nicht existiert. Ganz schön erschütternd, die Herren. So schreibt Lars: „Ich halte nix von diesen dürren Schwuletten mit ihren abgeknickten Ärmchen und Tops. Ich bin schwul und steh‘ auf Männer, nicht auf Lachnummern….“ Dieser Kommentar setze dem Ganzen die Krone auf. Aber er entspricht der Meinung vieler in der Community. Jeder darf auf denjenigen stehen, der seine Vorlieben anspricht – ganz klar. Ich habe meine, du hast deine, alles fein. Jedoch kommen wir so nicht weiter. Dann hat einer halt „abgebrochene Ärmchen“ – na und?! Das muss der straight-acting Muskeltyp genauso akzeptieren, wie der alternde Bär oder der twinky boy.

Die Definition von Männlichkeit ist für mich übrigens nicht nur ein Thema, das in der schwulen Szene diskutiert wird. So fragt David zu Recht: „Ist das nicht einfach ein Widerhall einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, der in der schwulen Szene in größerer Form sogar eher zeitversetzt nachträglich eingesetzt hat?“

Ich würde sagen ja, denn die Definition von Männlichkeit fördert zusammen mit der aktuellen Fitness-Welle den Kult am Körper – in der gesamten Gesellschaft. Demnach ist ein Mann auch unter Schwulen nur ein Mann, wenn er Muskeln hat, maskulin und kernig wirkt. Die Frage ist nur, wie charakterfest Mann ist, sich so in den Trainings- und Jugendwahn drängen zu lassen, um diesem Diktat zwanghaft zu entsprechen. Schließlich darf Mann ja auch einfach Nein sagen, entspricht ein Typ nicht den eigenen Vorstellungen. Da ist nichts dabei. Es kommt eben auf den Ton an. Und der ist deutlich rauer geworden. Entkrampfen wir uns alle ein wenig und lassen uns unsere Plaisierchen. Das klärt den Blick fürs Wesentliche und schafft ein respektvolles, tolerantes und buntes Miteinander – nicht nur im Jahr 2013!

(Text: Mit freundlicher Unterstützung der Deutschen AIDS-Hilfe, Tim Schomann und Malte Bornhöft)

„Sado-Maso“, „Orgasmus“ oder „Darkroom“ – Grundschulkinder wissen Bescheid

Zumindest ab dem neuen Schuljahr können die Grundschüler in Berlin mitreden (GAYS.DE berichtete). Denn ab da bereichert ein neuer Bücher- und Spielkoffer den Lernalltag der Kinder. In den ersten vier Schuljahren soll den Jungs und Mädchen dabei aber lediglich die Vielfalt des Sexuallebens näher gebracht werden. Begriffe wie „Sado-Maso“, „Organsmus“ oder „Darkroom“ sollen frühestens in der Sekundarstufe I, also ab der fünften Klasse eine Rolle spielen.

Die Berliner „BZ“ hetzte in den letzten Tagen immer wieder damit, dass ein neues Unterrichtsfach namens „Schwul“ geschaffen würde, vergaß dabei aber in jeder Berichterstattung die eigentlich Absicht des Kultusministeriums. Diese ist in etwa die gleiche wie die des Berliner Abgeordnetenhauses, welches in einer Abstimmung vom April 2009, einstimmig dafür stimmte dieses Vorhaben in die Praxis umzusetzen. „Selbstbestimmung und Akzeptanz  sexueller Vielfalt“ – unter diesem Namen wird die neue Initiative geführt und vorangetrieben. Dabei ist es allen Unterstützern wichtig, den Grundschülern neben einem neuen, vielfältigeren Bild der Familie vor allem Toleranz zu vermitteln. Die immer noch anhaltende Diskriminierung und Gewalt gegenüber Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender soll mit dem neuen Lernmittel deutlich reduziert werden.

„Es war einmal…“ – so fangen viele Märchen an, doch in kindlicher Sprache erklärt eines der Bücher auf diesem Weg den Wandel vom traditionellen Familienbild hin zu dem heutigen. Und eben da gehören neben Alleinerziehenden auch gleichgeschlechtlich liebende Eltern dazu. In der Geschichte  vom König, der keine Prinzessin fand und letztendlich mit einem weiteren König das Land regiert werden die Kinder auf homosexuelle Paare aufmerksam gemacht und ihnen wird erklärt, das auch das zu unserer Gesellschaft gehört. Das diese Lernform auch fortgesetzt werden kann zeigen Beispiele die bereits seit 2006 in Berlin zum Einsatz kommen. In Sek I und II können Lehrer ebenso wie die Jugendlichen selbst Infomaterial im Internet sammeln und verschiedenen Unterrichtsmaterialen nutzen. So lernen Jugendlich ihre Hemmungen bei Begriffe wie „Orgasmus“ und „Darkroom“ abzubauen indem sie diese pantomimisch darstellen und erklären. Ein anderes Beispiel sind verschiedene vorbereitete Rollenspiele. In ihnen sollen sich die Kinder und Jugendlichen in die Rolle der Lesbe/des Schwulen versetzen und ihr Coming Out durchspielen. Erfahrungen und Situationen, die nicht nur den Blickwinkel sondern vielmehr die grundsätzliche Denkweise erweitern.

Leider scheint eben dieser Ansatz nicht bei allen anzukommen. Eine breite Diskussion über die neuen Lernmittel und deren Einsatz ist bereits entfacht – hier ein kleiner Einblick.