GAY.DE Serie zum WAT 2012: GREIFEN SIE ZU, HERR DOKTOR!

Viel zu selten lassen sich schwule Männer auf sexuell übertragbare Infektionen untersuchen und wenn, dann sind die Checks oft unzureichend. Dabei sind Syphilis & Co. ein Einfallstor für HIV.

Horst* aus Hamburg hatte eine lange Odyssee hinter sich, als er die Ursache seines Leidens erfuhr. Ein halbes Jahr lang plagte ihn eine schwere Darmentzündung. Weder Hausarzt noch Proktologe konnten helfen. Beide tippten auf eine Colitis ulcerosa, eine seltene chronische Erkrankung. Erst der Tipp eines Bekannten brachte Horst schließlich ins Infektionsmedizinische Centrum Hamburg, eine bekannte HIV-Schwerpunktpraxis. Nach einem ausführlichen Gespräch ließ Arzt Axel Adam einen Rektalabstrich machen. Ein Volltreffer – Horst litt an Chlamydien. Diese Bakterien können beim Analverkehr leicht übertragen werden. Ein Antibiotikum genügte, nach nur einer Woche war Horst gesund.

Dass Horst an einer durchaus sexuell übertragbaren Infektion leiden könnte, war den anfangs konsultierten Ärzten nicht in den Sinn gekommen. „Wenn ich Analverkehr überhaupt nicht auf dem Zettel habe, dann mache ich bei meinen Patienten eben auch keinen Abstrich“, stellt Spezialist Axel Adam lapidar fest. Dabei gehören Chlamydien neben Gonokokken („Tripper“) zu den häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen (internationale Abkürzung: STI, abgeleitet von „sexually transmitted infections“).

Eine Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) hat gezeigt, dass viele STIs unerkannt bleiben, vor allem im Analbereich. Über 14 Prozent der untersuchten schwulen Männer hatten entweder Gonokokken oder Chlamydien (siehe HIV-Report 06/2011, www.hivreport.de). Eine ähnlich hohe Verbreitung wurde bereits bei Männern aus San Francisco, dem Vereinigten Königreich und der Schweiz festgestellt.

INFEKTIONEN IM PO ERHÖHEN DAS HIV-RISIKO MASSIV

Das Problem dabei: Diese Krankheiten können nicht nur teilweise der Gesundheit schwer schaden, sondern erhöhen auch das Risiko, sich beim Sex mit HIV anzustecken. Vor allem im Po sind sie gefährlich: In einer Studie aus San Francisco war bei Männern, die in den zwei Jahren zuvor zweimal eine rektale Infektion gehabt hatten (Chlamydien und/oder Gonokokken), die Wahrscheinlichkeit einer HIV-Infektion auf das Achtfache erhöht. In manchen Studien lag die Anzahl der Neuinfektionen in dieser Gruppe sogar bei 15 von 100 Personen. „Das ist die höchste uns bekannte HIV-Inzidenz weltweit“, erklärt Armin Schafberger, Medizin- Referent der Deutschen AIDS-Hilfe. Grund ist vermutlich ein Mix zwischen Biologie und bestimmten Verhaltensweisen. Schafbergers Schlussfolgerung: „Wir müssen schwule Männer über die Zusammenhänge aufklären und ihnen sagen, dass sie sich häufiger auf rektale Infektionen testen lassen sollen.“

Das Problem dabei: Das deutsche Gesundheitssystem ist derzeit nicht auf die Entdeckung von STIs ausgerichtet. Wie bei Horst werden die nötigen Untersuchungen meist schlicht nicht gemacht. Das liegt zum einen daran, dass weder Arzt noch Patient Chlamydien & Co. auf dem Schirm haben. Dazu kommt, dass kaum ein Arzt noch körperlich untersucht. „Ich habe noch gelernt, dass man einen Patienten bei der Erstaufnahme bittet, sich komplett auszuziehen, und dann auch mal hinfasst“, berichtet Armin Schafberger aus seiner Studienzeit. „Heutzutage lässt man in der Arztpraxis prinzipiell die Hose an.“

Per Blutuntersuchung lassen sich zwar Syphilis und HIV entdecken, nicht aber Gonokokken und Chlamydien. Denn diese können sich gleich an drei Körperstellen einnisten: im Rachen, in der Harnröhre, und im Hintern – je nachdem, was beim Sex passiert ist. Klarheit schafft nur ein Abstrich oder eine Urinprobe. „Wir müssen bei den Ärzten die Aufmerksamkeit für diese Krankheiten stärken“, fordert Schafberger, „und auch bei den schwulen Männern, damit sie diese Untersuchungen für sich einfordern.“ Denn da diese Krankheiten in Rektum und Rachen fast immer ohne Symptome verlaufen, werden sie oft nie entdeckt.

CHECK MIT GUCKEN UND ANFASSEN: DEUTSCHLAND HAT NACHHOLBEDARF

Dass es auch anders geht, hat die europaweite EMIS-Umfrage unter schwulen Männern gezeigt. Laut ihr haben in Großbritannien 44 Prozent der schwulen Männer in den letzten 12 Monaten einen STI-Check machen lassen, in Deutschland waren es nur 28 Prozent. Noch deutlicher fällt der Unterschied aus, wenn es um den Verlauf der Untersuchung geht. In Großbritannien berichten 27 Prozent der Befragten, der Arzt habe Penis und Anus in Augenschein genommen hat. In Deutschland kam das nur in 6 Prozent der Fälle vor.

Hauptursache für diese Diskrepanz sind die typisch britischen GUM-Kliniken (GUM ist die englische Abkürzung für Urogenitalmedizin), die es in jeder größeren Stadt gibt. Sie übernehmen auch die STI-Beratung. „In derart spezialisierten Einrichtungen ist es ganz selbstverständlich, dass der Arzt bei seinen Patienten auch mal Eichel und Vorhaut untersucht oder eine rektale Untersuchung macht“, so Armin Schafberger. „Die Spezialisierung ist von Vorteil.“

DIE DEUTSCHE AIDS-HILFE EMPFIEHLT: EINMAL JÄHRLICH TESTEN LASSEN!

Deutschland hat also Nachholbedarf in Sachen sexuell übertragbare Infektionen. Die Deutsche AIDS-Hilfe hat das Thema schon lange auf der Tagesordnung, zum Beispiel in ihrem Projekt „Prävention in der Arztpraxis“. Einige Gesundheitsämter, Aidshilfen und schwule Präventionsprojekte bieten schon jetzt STI-Checks an. Den nötigen Anal-Abstrich machen die Patienten oft selbst: auf der Toilette mit einem kleinen Wattestäbchen. „Das sollte in einer schwulen Gesundheitseinrichtung selbstverständlich sein“, fordert Armin Schafberger. „Dort ist der Vorgang auch nicht so schambehaftet.“ Vielen Männern sei es peinlich, ihrem Hausarzt zu sagen, dass sie Analverkehr haben.

Ist eine sexuell übertragene Krankheit erst einmal erkannt, lässt sie sich in den meisten Fällen gut behandeln. Da die Symptome nicht immer eindeutig sind, sollte man sich daher auch dann testen lassen, wenn keine akuten Beschwerden vorliegen. Die Empfehlung der Deutschen AIDS-Hilfe lautet: Alle Männer, die Sex mit Männern haben, sollten sich einmal jährlich auf die folgenden sexuell übertragbaren Krankheiten testen lassen: HIV, Syphilis, Gonokokken und Chlamydien. Wer auf mehr als zehn Sexpartnern pro Jahr kommt, sollte sich gegen die drei bakteriellen Infektionen alle sechs Monate checken lassen. Gegen Hepatitis A und B sollte man geimpft sein.

(Philip Eicker; Mit freundlicher Genehmigung der Deutschen AIDS-Hilfe. *Name geändert )

Informationen zum Welt-Aids-Tag

mach’s mit – Kampagne informiert über HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat heute in Berlin eine neue Kampagne zur Prävention von HIV und anderen sexuell übertrag-baren Infektionen (sexually transmitted infections, STI) vorgestellt. Mit der Aufforderung “mach’s mit – Wissen & Kondom” will die neue Präventionskampagne weiterhin motivieren, sich mit Kondomen vor einer HIV-Infektion zu schützen und sich zugleich noch stärker als bislang über Ansteckungswege und Symptome anderer STI zu informieren. Denn die Forschung der vergangenen Jahre hat gezeigt, dass STI, wie beispielsweise Syphilis, Tripper und Chlamydien, das Risiko einer HIV-Infektion erhöhen.

“Die nationale AIDS-Aufklärungskampagne “Gib AIDS keine Chance” hat entscheidend dazu beigetragen, dass die Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland seit 2007 zurückgeht”, sagte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr anlässlich der Auftaktveranstaltung. “Doch auf diesen Erfolgen dürfen wir uns nicht ausruhen, denn HIV ist noch immer nicht heilbar. Die Prävention ist und bleibt deshalb ein zentrales Thema.

“Sexuell übertragbare Infektionen sind ein bedeutendes Thema für die AIDS-Prävention. STI steigern das Risiko einer HIV-Infektion um das zwei- bis zehnfache, erhöhen die Infektiosität von Menschen mit HIV und können unbehandelt gravierende gesundheitliche Spätfolgen für die Betroffenen nach sich ziehen”, erklärte BZgA-Direktorin Prof. Dr. Elisabeth Pott. “Kondome schützen vor HIV, bei einigen STI aber bieten sie keinen ausreichenden Schutz.
Zu Safer Sex gehört daher neben dem Kondom auch das Wissen über STI, über Ansteckungswege und Schutzmöglichkeiten.

Die neue Kampagne spricht neben der Allgemeinbevölkerung auch spezifische Zielgruppen an. Hierzu gehören etwa Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), da in dieser Gruppe die Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland am höchsten ist.

Ebenso werden Jugendliche und junge Erwachsene angesprochen und beispielsweise für die in dieser Gruppe häufig vorkommenden Chlamydieninfektionen sensibilisiert.
Zum ersten Mal zeigt “mach’s mit” bei der neuen Kampagne Menschen mit ihren individuellen Vorstellungen von Sexualität. Mit selbstbewussten Statements wie “Ich will’s romantisch” oder “Ich will’s spontan” zeigt die Kampagne verschiedene Charaktere. Von Jung bis Alt repräsentieren sie Personen aus dem Alltag. Das Spannungsverhältnis von Text und Bild, das alle Motive prägt, macht neugierig und lenkt die Aufmerksamkeit unmittelbar auf das Thema HIV/STI-Prävention. Die Vielfalt der Motive und die offene, selbstbewusste Haltung der Charaktere wirken dabei einer Tabuisierung von HIV und STI und einer Stigmatisierung von Betroffenen entgegen.

Die mach’s mit-Kampagne wird unter dem Dach von GIB AIDS KEINE CHANCE von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung umgesetzt. Sie ist das bekannteste Element der nationalen Strategie gegen die Ausbreitung von HIV. Über 90 Prozent der Bundesbürger kennen Logo und Motive der Kampagne.