GAY.DE Serie zum WAT 2012: GREIFEN SIE ZU, HERR DOKTOR!

Viel zu selten lassen sich schwule Männer auf sexuell übertragbare Infektionen untersuchen und wenn, dann sind die Checks oft unzureichend. Dabei sind Syphilis & Co. ein Einfallstor für HIV.

Horst* aus Hamburg hatte eine lange Odyssee hinter sich, als er die Ursache seines Leidens erfuhr. Ein halbes Jahr lang plagte ihn eine schwere Darmentzündung. Weder Hausarzt noch Proktologe konnten helfen. Beide tippten auf eine Colitis ulcerosa, eine seltene chronische Erkrankung. Erst der Tipp eines Bekannten brachte Horst schließlich ins Infektionsmedizinische Centrum Hamburg, eine bekannte HIV-Schwerpunktpraxis. Nach einem ausführlichen Gespräch ließ Arzt Axel Adam einen Rektalabstrich machen. Ein Volltreffer – Horst litt an Chlamydien. Diese Bakterien können beim Analverkehr leicht übertragen werden. Ein Antibiotikum genügte, nach nur einer Woche war Horst gesund.

Dass Horst an einer durchaus sexuell übertragbaren Infektion leiden könnte, war den anfangs konsultierten Ärzten nicht in den Sinn gekommen. „Wenn ich Analverkehr überhaupt nicht auf dem Zettel habe, dann mache ich bei meinen Patienten eben auch keinen Abstrich“, stellt Spezialist Axel Adam lapidar fest. Dabei gehören Chlamydien neben Gonokokken („Tripper“) zu den häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen (internationale Abkürzung: STI, abgeleitet von „sexually transmitted infections“).

Eine Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) hat gezeigt, dass viele STIs unerkannt bleiben, vor allem im Analbereich. Über 14 Prozent der untersuchten schwulen Männer hatten entweder Gonokokken oder Chlamydien (siehe HIV-Report 06/2011, www.hivreport.de). Eine ähnlich hohe Verbreitung wurde bereits bei Männern aus San Francisco, dem Vereinigten Königreich und der Schweiz festgestellt.

INFEKTIONEN IM PO ERHÖHEN DAS HIV-RISIKO MASSIV

Das Problem dabei: Diese Krankheiten können nicht nur teilweise der Gesundheit schwer schaden, sondern erhöhen auch das Risiko, sich beim Sex mit HIV anzustecken. Vor allem im Po sind sie gefährlich: In einer Studie aus San Francisco war bei Männern, die in den zwei Jahren zuvor zweimal eine rektale Infektion gehabt hatten (Chlamydien und/oder Gonokokken), die Wahrscheinlichkeit einer HIV-Infektion auf das Achtfache erhöht. In manchen Studien lag die Anzahl der Neuinfektionen in dieser Gruppe sogar bei 15 von 100 Personen. „Das ist die höchste uns bekannte HIV-Inzidenz weltweit“, erklärt Armin Schafberger, Medizin- Referent der Deutschen AIDS-Hilfe. Grund ist vermutlich ein Mix zwischen Biologie und bestimmten Verhaltensweisen. Schafbergers Schlussfolgerung: „Wir müssen schwule Männer über die Zusammenhänge aufklären und ihnen sagen, dass sie sich häufiger auf rektale Infektionen testen lassen sollen.“

Das Problem dabei: Das deutsche Gesundheitssystem ist derzeit nicht auf die Entdeckung von STIs ausgerichtet. Wie bei Horst werden die nötigen Untersuchungen meist schlicht nicht gemacht. Das liegt zum einen daran, dass weder Arzt noch Patient Chlamydien & Co. auf dem Schirm haben. Dazu kommt, dass kaum ein Arzt noch körperlich untersucht. „Ich habe noch gelernt, dass man einen Patienten bei der Erstaufnahme bittet, sich komplett auszuziehen, und dann auch mal hinfasst“, berichtet Armin Schafberger aus seiner Studienzeit. „Heutzutage lässt man in der Arztpraxis prinzipiell die Hose an.“

Per Blutuntersuchung lassen sich zwar Syphilis und HIV entdecken, nicht aber Gonokokken und Chlamydien. Denn diese können sich gleich an drei Körperstellen einnisten: im Rachen, in der Harnröhre, und im Hintern – je nachdem, was beim Sex passiert ist. Klarheit schafft nur ein Abstrich oder eine Urinprobe. „Wir müssen bei den Ärzten die Aufmerksamkeit für diese Krankheiten stärken“, fordert Schafberger, „und auch bei den schwulen Männern, damit sie diese Untersuchungen für sich einfordern.“ Denn da diese Krankheiten in Rektum und Rachen fast immer ohne Symptome verlaufen, werden sie oft nie entdeckt.

CHECK MIT GUCKEN UND ANFASSEN: DEUTSCHLAND HAT NACHHOLBEDARF

Dass es auch anders geht, hat die europaweite EMIS-Umfrage unter schwulen Männern gezeigt. Laut ihr haben in Großbritannien 44 Prozent der schwulen Männer in den letzten 12 Monaten einen STI-Check machen lassen, in Deutschland waren es nur 28 Prozent. Noch deutlicher fällt der Unterschied aus, wenn es um den Verlauf der Untersuchung geht. In Großbritannien berichten 27 Prozent der Befragten, der Arzt habe Penis und Anus in Augenschein genommen hat. In Deutschland kam das nur in 6 Prozent der Fälle vor.

Hauptursache für diese Diskrepanz sind die typisch britischen GUM-Kliniken (GUM ist die englische Abkürzung für Urogenitalmedizin), die es in jeder größeren Stadt gibt. Sie übernehmen auch die STI-Beratung. „In derart spezialisierten Einrichtungen ist es ganz selbstverständlich, dass der Arzt bei seinen Patienten auch mal Eichel und Vorhaut untersucht oder eine rektale Untersuchung macht“, so Armin Schafberger. „Die Spezialisierung ist von Vorteil.“

DIE DEUTSCHE AIDS-HILFE EMPFIEHLT: EINMAL JÄHRLICH TESTEN LASSEN!

Deutschland hat also Nachholbedarf in Sachen sexuell übertragbare Infektionen. Die Deutsche AIDS-Hilfe hat das Thema schon lange auf der Tagesordnung, zum Beispiel in ihrem Projekt „Prävention in der Arztpraxis“. Einige Gesundheitsämter, Aidshilfen und schwule Präventionsprojekte bieten schon jetzt STI-Checks an. Den nötigen Anal-Abstrich machen die Patienten oft selbst: auf der Toilette mit einem kleinen Wattestäbchen. „Das sollte in einer schwulen Gesundheitseinrichtung selbstverständlich sein“, fordert Armin Schafberger. „Dort ist der Vorgang auch nicht so schambehaftet.“ Vielen Männern sei es peinlich, ihrem Hausarzt zu sagen, dass sie Analverkehr haben.

Ist eine sexuell übertragene Krankheit erst einmal erkannt, lässt sie sich in den meisten Fällen gut behandeln. Da die Symptome nicht immer eindeutig sind, sollte man sich daher auch dann testen lassen, wenn keine akuten Beschwerden vorliegen. Die Empfehlung der Deutschen AIDS-Hilfe lautet: Alle Männer, die Sex mit Männern haben, sollten sich einmal jährlich auf die folgenden sexuell übertragbaren Krankheiten testen lassen: HIV, Syphilis, Gonokokken und Chlamydien. Wer auf mehr als zehn Sexpartnern pro Jahr kommt, sollte sich gegen die drei bakteriellen Infektionen alle sechs Monate checken lassen. Gegen Hepatitis A und B sollte man geimpft sein.

(Philip Eicker; Mit freundlicher Genehmigung der Deutschen AIDS-Hilfe. *Name geändert )

Informationen zum Welt-Aids-Tag

GAY.DE Serie zum WAT 2012: Zwei Wochen im Zeichen der Roten Schleife

Jährlich am 1. Dezember erinnern Organisationen weltweit an das Thema AIDS und rufen zur Unterstützung auf. In zahlreichen Aktionen soll Solidarität gegenüber HIV-Infizierten, an AIDS-Erkrankten sowie deren Freunde und Familien gezeigt werden. Der Welt-AIDS-Tag ist aber auch eine Warnung zugleich – Eine Warnung dahingehend, dass die Pandemie weiter besteht.

HIV und AIDS geht uns alle an

Bis heute erfahren Menschen mit HIV und AIDS Diskriminierung. Dies wird vor allem auch im Arbeitsalltag deutlich. Auch die Angst vor Ansteckung ist weit verbreitet – obwohl man sich beim alltäglichen Umgang nicht infizieren kann. Dies führt immer wieder zu Ausgrenzungen oder Mobbing von Menschen mit HIV. Dagegen helfen nur Information, Aufklärung und Solidarität. Die Welt-AIDS-Tags-Kampagne mit ihren vielen Botschaftern und Partnern setzt sich dafür tatkräftig ein, dass ein positives Zusammenleben möglich wird.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) und die Deutsche AIDS-Stiftung (DAS) gehen auch in diesem Jahr mit einer gemeinsamen Kampagne an die Öffentlichkeit und rufen dazu auf „AKZEPTANZ. RESPEKT. RÜCKHALT.“ zu zeigen.

GAY.DE unterstützt die diesjährige Kampagne zum Welt-AIDS-Tag mit der SafetyBag Aktion und appelliert an alle User zu einem verantwortungsvollen und sichern Umgang beim Geschlechtsverkehr.

In einer eigens eingerichteten Rubrik im community-eigenen Blog wird in den kommenden zwei Wochen über das Thema HIV und Aids berichtet. Mit Interviews, informativen Beiträgen zum Leben mit dem Virus und vielen weiteren Aktionen steht die Rubrik auch nach dem Welt-AIDS-Tag 2012 weiterhin zur Verfügung.

 

Zur GAY.DE SafetyBag Aktion 2012

GAY.DE Serie zum WAT 2012: HIV IN DEUTSCHLAND – ENTWICKLUNG DER NEUINFEKTIONEN SEIT 2001

Das 21. Jahrhundert begann mit schlechten Nachrichten: Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldete einen Anstieg der HIV-Neuinfektionen bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM). Bis zum Jahr 2006 hielt dieser Trend an. Nach
Berechnungen aus dem Jahr 2011 gingen die Neuinfektionen dann ab 2007 wieder zurück. Im Jahr 2011 gab es demnach 2.700 Neuinfektionen. Die Zahlen für das Jahr 2012 werden voraussichtlich Ende November veröffentlicht. Aus

verschiedenen Gründen wird sich der Abwärtstrend vermutlich nicht fortsetzen.

SCHWULE MÄNNER SCHÜTZEN SICH MEHRHEITLICH GUT

Seit dem Anstieg der Neuinfektionen wird darüber spekuliert, ob schwule Männer sich nicht mehr ausreichend vor HIV schützen. Studien belegen aber, dass  Schutzmotivation und das Schutzverhalten weiterhin hoch sind. In der EMISBefragung 2010 gaben rund drei Viertel der Männer an, sie hätten sich im Jahr zuvor immer geschützt. Bei ähnlichen Studien haben in den vergangenen Jahren stets rund 70 Prozent berichtet, sie wären keine Risiken eingegangen, 20% der Befragten sagten, sie hätten dies gelegentlich getan, 10% gaben häufige Risikokontakte an.

GRÜNDE FÜR DEN ANSTIEG DER NEUINFEKTIONEN

Was sind dann aber die Gründe für den Anstieg? Einer der wichtigsten dürfte die Rückkehr der Syphilis sowie die Verbreitung anderer sexuell übertragbarer Infektionen sein. Diese wirken als Turbo der HIV-Epidemie. Entzündete Schleimhäute am Penis oder im Anus erleichtern das Eindringen von HIV. Bei (unbehandelten) HIV-Positiven kann die Viruslast durch die Syphilis erheblich steigen, so dass eine Übertragung wahrscheinlicher wird.
Seit der Jahrtausendwende schaukelt sich die Zahl der Syphilisinfektionen in Deutschland in Wellenbewegungen nach oben und wird dieses Jahr einen Rekordwert von deutlich mehr als 3.000 erreichen. Besonders betroffen: schwule
Männer in Großstädten.
Weitere Gründe für den Anstieg der Neuinfektionen in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends: Schwule Männer hatten durchschnittlich mehr Partner als in den Jahren zuvor und zugleich häufiger Analverkehr. Damit stieg unterm Strich die
Zahl der Situationen, in denen HIV übertragen werden konnte. Zudem wurde für einige Jahre erst relativ spät mit den antiretroviralen Therapien begonnen, dementsprechend gab es mehr HIV-positive Menschen mit einer für die Übertragung ausreichenden Viruslast. Die Zunahme geht also auf eine Vielfalt von Gründen zurück, die nicht unbedingt darauf schließen lässt, dass sich das Schutzverhalten grundlegend verändert hat.
Zugleich gibt es aber auf der Ebene des individuellen Umgangs mit Risiken durchaus Veränderungen. Manche schwule Männer versuchen verstärkt auszuloten, unter welchen Bedingungen sie auf Kondome verzichten können. Sie versuchen
sich zu schützen, indem sie das Risiko abschätzen und entsprechend handeln. Viele verzichten zum Beispiel in Beziehungen auf Kondome, andere suchen nach Partnern mit dem gleichen HIV-Status wie sie selbst. Ob und inwiefern schwule

Männer dabei häufiger das Risiko einer HIV-Infektion eingehen als früher, wird die nächste Befragung im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigen, die im Jahr 2013 durchgeführt wird.

SYPHILIS ALS TURBO?

Im Gefolge der Syphiliswelle könnte es in den kommenden Jahren zu einem deutlichen Anstieg der HIV-Neuinfektionen kommen. Über die Ursachen wird dann in den nächsten Monaten und Jahren viel diskutiert werden. Entscheidend für schwule Männer ist die Botschaft: Wenn du mit wechselnden Partnern Sex hast, lass dich regelmäßig auf Syphilis und andere sexuell übertragbare Infektionen testen und gegebenenfalls so schnell wie möglich behandeln. Wenn du glaubst, du könntest dich mit einer sexuell übertragbaren Infektion infiziert haben, geh zum Arzt. Und denk dran: Sex ohne Kondom ist in dieser Situation ein besonderes Risiko.
(Texte zur GAY.DE Serie zum Welt-Aids-Tag mit freundlicher Genehmigung der Deutschen AIDS-Hilfe, T.Schomann)

GAY.DE Serie zum WAT 2012: „Mach das Beste draus!“

„Älter werden“? Gerade in der schwulen Community oft ein rotes Tuch. Wer will das auch schon… Einen anderen Dreh bekommt das Ganze allerdings, wenn jemand mit seinem sicheren und frühen Tod rechnete und dann doch weiter leben kann.

So wie IWWIT Rollenmodell Wolfgang. Er infizierte sich 1987 mit HIV. Wirklich wirksame Medikamente waren noch nicht auf dem Markt. Älter werden? War für ihn damals kein Thema, denn „ich habe damals nicht damit gerechnet, jemals alt zu werden.“ Zu sicher schien ihm, dass er bald an AIDS sterben würde, so wie sein damaliger Partner.

Doch es kam anders und auch seine Meinungen zum Älter werden und zum Umgang mit HIV haben sich bei ihm geändert…

Wolfgang (64) ist seit 25 Jahren HIV-positiv. Zunächst verdrängte er seine Infektion. Nach  dem Tod seines Partners 1995 bekam er aber schwere HIV-bedingte Gesundheitsprobleme. Sein Glück: Damals waren gerade die ersten wirksamen HIV-Kombinationstherapien auf den Markt gekommen. Schon nach einem halben Jahr Behandlung konnte er wieder arbeiten.

Heute engagiert sich Wolfgang, der vor einigen Jahren in Rente ging, ehrenamtlich beim schwulen Infoladen Hein & Fiete und als Schoolworker bei der AIDS-Hilfe Hamburg. Zuvor arbeitete er in der Krankenpflege.

Mit seinem Motto „Mach das Beste draus“ will er auch anderen Mut machen, die HIV-Erkrankung zu akzeptieren, sich aber nicht von ihr bestimmen zu lassen.

Das ganze Interview:

Wolfgang, du hast dich vor etwa 25 Jahren mit HIV infiziert. Hast du damals gedacht, dass du 60 wirst?

Nein, ich habe damals nicht damit gerechnet, jemals alt zu werden. Damals, 1987, gab es noch keine richtigen Medikamente oder wirksamen Therapien. Ich habe damals gedacht: „Lebe weiter wie bisher und versuche, so weit wie möglich zu kommen.“ Ich habe das Virus komplett ignoriert und für mich verdrängt. Bis es mich dann 1995 erwischt hat und ich zum ersten Mal erhebliche gesundheitliche Probleme bekam. Ich hatte aber Glück im Unglück, denn es gab damals erstmals wirklich wirksame und getestete Medikamente. Damit habe ich den Sprung ins Überleben geschafft. Ich denke, sonst hätte ich mich damals aus dem Leben verabschieden müssen. So, wie es meinem Partner kurz vorher ergangen war.

Was bedeutet für dich „alt werden“?

Früher habe ich von mir gesagt, mit 40 bist du alt. Dann habe ich die 50 einfach so weggesteckt. Mit der 60 habe ich dann aber wirklich ein wenig Probleme gehabt. Aber das  liegt jetzt ja auch schon wieder ein Weilchen hinter mir.

Warum war es bei der 60 anders?

Es war einfach die Zahl, die mir Angst machte. Ich war immer neugierig und unterwegs, aber dann war da die Zahl 60, und ich dachte, jetzt gehöre ich zum alten Eisen. Letztendlich sind meine Freunde aber wie immer mit mir umgegangen, wie vor der Zahl 60. Und damit war das Problem dann auch schnell für mich erledigt. Jetzt schau ich einfach mal, wie weit ich noch komme. Irgendwann zieht der alte Mann da oben den Stecker raus, und dann ist es auch gut.

Haben dich früher andere Dinge beschäftigt als heute?

Ich glaube, nicht wirklich. Ich bin immer irgendwie meinen Weg gegangen. Ich war zwar früher eher ein Heißsporn und habe einfach drauf los gewerkelt. Heute schaue ich erst einmal, überlege und werkele dann. Ich glaube, der Unterschied zu früher ist nicht sehr groß, auch wenn ich heute vieles gelassener angehe. Ich sage mir einfach: Du hast den größten Teil des Weges geschafft, dann schaffst du auch noch den Rest.

Du bist seit einigen Jahren in Rente. War das eine schwierige Umstellung für dich?

Als ich in Rente ging, musste ich mir erst einmal etwas suchen, was ich machen kann und was mich interessiert. Ich habe mich dann ehrenamtlich engagiert, zunächst als Fahrer bei der Hamburger Tafel. Als HIV-Positiver wollte ich aber auch noch etwas in der HIVPrävention machen. Ich suchte mir dann zusätzlich den schwulen Infoladen Hein & Fiete aus und arbeite dort noch immer mit. Später bewarb ich mich auch noch bei der AIDS-Hilfe in Hamburg. Mir wurde die Mitarbeit bei den Schoolworkern angeboten. Ich schaute mir die Broschüre an, aber dort stand „für junge Leute bis 30“. Da habe ich freundlich angemerkt, dass ich ja schon etwas älter sei – ich war damals gerade 60 geworden. Die Antwort lautete aber: „Ja, ja, das schaffst du schon.“ Wir haben das dann ausprobiert, und es klappte auf Anhieb. Die Einsätze als Schoolworker sind immer wieder interessant und geben auch mir einiges.

Also war es dann doch kein Problem, dass du deutlich älter als 30 warst?

Die dachten wohl, man müsse ungefähr im selben Alter sein wie die Jugendlichen. Damit man auf gleicher Augenhöhe ist und ihnen was erzählen kann. Aber es hat halt nichts mit dem Alter zu tun. Heute steht das mit den 30 Jahren übrigens nicht mehr in der Broschüre. Na ja, und seit 2008 bin ich auch bei ICH WEISS WAS ICH TU. Zunächst als Präventionist und jetzt auch als Rollenmodell. Durch meine Ehrenämter bin ich sehr viel unterwegs und gut beschäftigt. Langweilig wird mir eigentlich nie.

Man sagt ja von der schwulen Szene, sie sei sehr jugendfixiert und oberflächlich. War das früher anders?

Ich denke, das war schon immer so. Vielleicht war es früher familiärer. Wenn sogenanntes Frischfleisch kam, wurde es erst mal freundlich in die Szene aufgenommen. Heute ist das alles distanzierter. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass Homosexualität früher verboten war. Da musste man schon etwas näher zusammenrücken. Das hat zusammengeschweißt. Man hat mehr aufeinander geachtet. Heute ist es wesentlich offener. Es gibt Möglichkeiten, auszugehen, anzubandeln und Sex zu haben. Früher spielte sich das ja fast wie in einem Ghetto ab. Heute kann man als Schwuler fast überall hingehen, und es ist okay.

Was ist für dich ein selbstbewusster Umgang mit dem Älterwerden?

Ich würde sagen, dass ich mir nie etwas aus dem Alter gemacht habe, sondern mich immer so gebe, wie ich bin. Ich habe auch nie versucht, jünger zu wirken. Viele versuchen das ja, indem sie sich mit Jüngeren umgeben, und hoffen, dadurch dazuzugehören und selber jung zu sein. Sie stylen sich manchmal auch entsprechend auf und merken nicht, wie albern sie damit wirken. Ich finde, man wird halt älter und muss das auch so akzeptieren. Ich gebe mir immer Mühe, das Beste daraus zu machen. Natürlich versuche ich mich fit zu halten. Ich habe schon immer viel Sport getrieben und schwimme auch heute noch jeden Tag meine Runden.

Wir sprechen viel über das Älterwerden und Jung- und Altsein. Aber was ist für dich eigentlich alt?

Für mich gibt es den Begriff alt nicht wirklich. Irgendwann merke ich wahrscheinlich, dass ich mich nicht mehr bewegen kann oder dass es mir geht  wie meiner 94-jährigen Mutter, die geistig langsam abbaut. Vielleicht muss ich mir dann eingestehen, dass ich alt bin. Noch bin ich einfach nur länger jung

Hast du Angst davor, später vielleicht mal auf Hilfe und Pflege angewiesen zu sein?

Nein, Angst habe ich nicht davor. Ich habe für mich geplant, wo ich dann hingehen will, und habe das geregelt. Außerdem habe ich für mich eine Patientenverfügung gemacht. Und ich habe ein soziales Umfeld, das auf mich aufpasst. Vielleicht sagen die dann irgendwann: „So, Wolfgang, jetzt ist es soweit – wir gehen nach Kiel zur Körperverbrennungsanlage!“ (lacht)

Und wenn du doch länger auf Pflege angewiesen sein solltest?

Also, wenn es so kommt, hoffe ich, dass mein soziales Umfeld noch ausreicht, dass ich mich zu Hause von dieser Welt verabschieden kann. Oder ansonsten in ein Hospiz gehen kann.

Ist es also wichtig, sich im Alter ein soziales Netz zu knüpfen, in das man sich dann auch fallen lassen kann?

Ich glaube, dieses Netz kann man im Alter nicht mehr knüpfen, man muss es ins Alter mitnehmen. Man wird gemeinsam älter, und damit hat man dann auch das Netz. Das später noch aufzubauen, ist ganz schwer. Man wird eigenwilliger, vielleicht auch eingeschränkter als früher. Da ist es oftmals schwer, offen für anderes zu bleiben. Wenn man das soziale Umfeld nicht mit ins Alter nimmt, wird’s schwer …

In zehn Jahren bist du 74. Wie siehst du dich dann?

Ich hoffe, noch da, wo ich jetzt bin: Jeden Morgen wie ein junger Hüpfer schwimmen gehen. Jedes Wochenende woanders sein, auch für ICH WEISS  WAS ICH TU. Ich kann und möchte nicht zu Hause rumgammeln. Ich könnte mich sicherlich beschäftigen. Ich bin aber viel lieber draußen unterwegs. Und wenn es klappt, wird es auch noch lange so bleiben.

Du hast dich 1987 mit HIV infiziert. Spielt die Infektion eine große Rolle bei deinem Älterwerden?

Nein, eigentlich nicht. Ich werde mit dem Virus älter, ja. Damit hätte ich nie gerechnet. Ich mache das Virus aber nicht zu meinem Lebensmittelpunkt. Ich nehme es mit, werde es ja nicht los. Und somit wird es mitgeschleppt und ist Teil von mir. Es muss halt eben so alt werden wie ich. Es kann sich ja nicht trennen von mir. Ich sage ihm einfach: „Wenn du schon da bist, dann sieh zu, wie du mit mir klarkommst.“  Da bin ich dann stur, da kommt der Altersstarrsinn durch … (lacht)

Das hört sich ja fast schon wie in einer Beziehung an …

Ja, das stimmt. Und mal ist das Virus stärker, mal bin ich stärker. Es ist jetzt die Situation, wo vielleicht Resistenzen gegen bestimmte Medikamente  bei mir da sind. Da hat das Virus gerade den Kopf oben. Mein Arzt und ich sehen uns gerade die Laborwerte an, schauen, ob die Viruslast hochgeht. Wenn das so ist, müssen wir die Medikamente umstellen. Und danach schauen wir, wer bei uns beiden dann wieder das Sagen hat …

Als du damals von deiner HIV-Infektion erfahren hast, hast du ganz bewusst nach einem Partner gesucht, der auch positiv ist. Wieso war dir das wichtig?

Es war einfach so, dass ich niemand anderen anstecken wollte. Wir hatten damals ja noch einen ganz anderen Wissensstand, was HIV und Aids anging. Man wusste so ungefähr, wie man sich schützen kann, ja, aber ansonsten … Und mi t einem ebenfalls positiven Partner hatte ich die Sicherheit: Okay, wir haben es beide. Wir können Pech haben und beide daran sterben. Wir sind aber beide in derselben Situation. Irgendwie dachte ich, dass das für mich die einzige Möglichkeit wäre, überhaupt noch einen Partner zu finden. Ich dachte ja auch gar nicht, dass ich noch so lange leben würde.

War das für euch Thema, dass vielleicht einer von euch wegen Aids früher sterben wird, der andere dann vielleicht alleine ist?

Ja, es war uns klar, dass es wohl einen von uns früher als den anderen erwischen wird. Da haben wir uns keinen Kopf gemacht, wer der Erste ist. Es war uns nur wichtig, dass wir keinen weiteren infizieren.

Nach dem Tod deines Partners hattest du keine Beziehung mehr. War das eine bewusste Entscheidung? 

Nein, es funktioniert einfach nicht. Wie weit das mein Ding ist, weiß ich nicht. Ich bekomme es einfach nicht mehr gebacken. Ich bekomme keinen Draht mehr zu jemandem. Oder ich lasse es eben schleifen. Aber ich will das auch gar nicht wirklich ergründen. Ich glaube, es ist der Schiss vor einem weiteren Verlust. Vielleicht ist es das. Dass ich denjenigen verlasse oder er eben mich …

Du sagtest, du hättest deine HIV-Infektion die ersten Jahre völlig verdrängt. Wann kam das Umdenken?

Das erste Umdenken kam, als ich 1989 einen ebenfalls positiven Partner kennenlernte. Da rückte das Virus kurzfristig noch mal in den Mittelpunkt. Ich habe es dann aber auch schnell wieder verdrängt. Erst 1995, nach dem Tod meines Partners, bekam ich erste HIV-bedingte Infektionen, die mich zwangen, zum Arzt zu gehen. Die Viruslast war hoch, die Helferzellen am Boden. Der Arzt sprach vom Status Aids. Ich fing dann mit den ersten Medikamenten an. Und mein Leben war dann doch noch nicht zu Ende. Ich brauchte ein wenig, bis ich wieder aufgebaut war, etwa ein halbes Jahr, und ging dann wieder normal arbeiten. Den Rat meiner Ärzte, in Rente zu gehen, lehnte ich einfach ab, weil ich nicht zu Hause sitzen wollte. Als es mir also wieder einigermaßen ging, habe ich mich sofort voll ins Arbeitsleben gestürzt. 2001 starb dann allerdings mein Vater, und bin ich  komplett psychisch und physisch abgestürzt. 2002 habe ich mich dann entschieden, endlich mehr für mich zu tun, und habe den Rentenantrag eingereicht, dem 2004 zugestimmt wurde.

War 1995 für dich das entscheidende Jahr, weil du aufgrund der beginnenden Infektionen gezwungen warst, zum Arzt zu gehen und eine Therapie zu beginnen?

Das Jahr 1995 war für mich ein beschissenes Jahr. Mein Partner war an Aids gestorben, und ich denke, das hat mich richtig runtergezogen und war vielleicht der Anlass, dass erste Infektionen auftraten. Bedingt durch Stress und psychische Belastung. Der glückliche Zufall war einfach, dass die ersten offiziell zugelassenen Medikamente auf dem Markt waren. Ich hatte einfach Glück.

Wie lebst du heute mit HIV? Die Therapien haben sich seit 1995 ja stark verändert.

Zwischendurch hatte ich eine Phase, wo ich gedacht  habe: Diese ewige Medikamentenfresserei, da habe ich keinen Bock mehr drauf. Ein Medikament vertrug ich damals so schlecht, dass ich es immer sofort wieder ausgekotzt habe. Da habe ich zu meinem Arzt gesagt: „So geht das gar nicht.“ Ich wollte nur noch meine Ruhe und habe eine Weile keine Medikamente mehr genommen. Das muss 2001 gewesen sein. Dann hatte ich irgendwann meine Rippen gebrochen, kam ins Krankenhaus und der Arzt auf der Intensivstation hat mich erst mal zusammengefaltet. Danach bin ich dann wieder in die medikamentöse Therapie eingestiegen, die sich inzwischen ja auch wieder verändert hatte.

Hast du heute noch Probleme mit den Medikamenten, die du nehmen musst?

Ja, immer mal wieder. Manches Mal geht man aus dem Haus und denkt, alles ist toll. Dann steht man am Tresen und plötzlich denkt man: Nee, war wohl nichts mit „Alles ist toll“ – und die Hose ist voll. Oder die letzten Meter bis zur Wohnung, nach einem Spaziergang, werden einfach zu lang, und ich schaffe es nicht mehr bis zur Toilette. Wenn ich es vorher merke, ist es gut. Dann schiebe ich einen Tampon und kann sicher in die Oper oder ins Theater gehen. Das klappt dann prima, und es kann nichts mehr passieren. Das ist alles aber nicht mehr so akut wie in der Anfangszeit. Da hat sich in der Therapie schon einiges getan. An mein Virus werde ich aber mit jeder Einnahme der Medikamente, morgens und abends, erinnert. Und wenn es mir trotz der Pillen wieder schlecht geht, habe ich Schiss und renn zum Arzt. Ist jetzt die Wirkung der Medikamente weg? Muss ich neue Medikamente nehmen? Gibt es Resistenzen? Habe ich wieder ein Problem zwischen den Ohren?

Es ist also eine permanente Beschäftigung mit dem Thema?

Klar, ich bin gezwungen, mich ständig damit zu beschäftigen. Ich gehe heute aber anders damit um, also, ich habe es akzeptiert. Ich lebe nicht für das Virus, aber eben mit ihm. Ich gehe heute bewusster damit um. Und versuche auch anderen Leuten zu sagen: Wenn du schon mit dem Virus lebst, dann mach das Beste daraus. Verstecke dich nicht.

(Das Interview führte Tim Schomann. Mit freundlicher Genehmigung von IWWIT/DAH)

Mit diesem Interview möchten wir von GAY.DE auf das Thema HIV/Aids aufmerksam machen und Euch informieren. Zum diesjährigen Welt Aids Tag möchten wir Euch umfangreiche Informationen rund ums Thema bieten und gleichzeitig die neue Kampagne der Deutschen AIDS-Hilfe vorstellen. Das IWWIT Projekt ist dabei ein fester Bestandteil der Präventionsarbeit.

Auch das GAY.DE Team leistet seinen Beitrag – Mit dem GAY.DE SafetyBag könnt Ihr Euch informieren und ein kleines Cruisingset für den sicheren Verkehr ordern.
Mehr Informationen im GAY.DE Blog.

 

Welt-Aids-Tag 2011: Safer Sex

In den letzten beiden Beiträgen unserer neuen Kategorie: Welt-Aids-Tag haben wir bereits darüber berichtet, dass Ihr keine Angst beim Küssen zu haben braucht und auch über das Verhütungsmittel Nummer eins – das Kondom – haben wir einen Beitrag in unserem Newsblog gepostet.

Heute zum Welt-Aids-Tag (immer am 1. Dezember), möchten wir Euch nochmal über Safer Sex informieren. Nicht dass wir Euch die Lust „an der schönsten Sache der Welt“ verderben möchten, wir möchten nur sicher gehen, dass Ihr einen gewissenhaften Umgang mit Euren Sexualpartnern pflegt.

Bei unsafem Sex setzt Ihr immer Eure Gesundheit aufs Spiel. Nicht nur dass die Ansteckungsgefahr bei ungeschütztem Analverkehr sehr hoch ist, auch das Vertrauen zum Partner wird in diesem Moment oftmals unterschätzt. Oder kennt Ihr genau in diesem Moment den ehrlichen HIV-Status Eures Auserwählten?
Und Unwissenheit schützt nicht vor einer Ansteckung.

Wusstet Ihr eigentlich, dass selbst ohne einen Samenerguss ein hohes Infektionsrisiko besteht? Egal ob beim Anal- oder Oralverkehr, durch die Aufnahme von HIV-haltigem Sperma ist eine Infektion lediglich um ein Vielfaches höher.
Also Jungs – egal wann, egal wo und vor allem egal mit wem – ein Kondom ist das mindeste, was ihr tragen solltet, wenn Ihr in „Gefechtsstellung“ seid.

Anlässlich des WAT2011 werden wir jeden Tag ein neues Bild mit der entsprechenden Information posten. Dabei möchten wir darauf aufmerksam machen, dass die HIV-Übertragung oftmals unterschätz – aber ebenso sehr überschätzt wird.

HIV-Infektionen sinken wieder – Zielgruppenprävention wirkt!

Zum Welt-Aids-Tag wirbt nicht nur die AIDS-Hilfe NRW für Akzeptanz und Normalisierung. Weltweit werden Aktionen und Kampagnen gestartet, Informationsstände und Infoveranstaltungen mit Leben gefüllt und zahlreiche kulturelle und interessante Veranstaltungen durchgeführt.
Wie die AIDS-Hilfe Nordrhein-Westfalen in einer aktuellen Presseinformation mitteilt, ist die Zahl der HIV-Neuinfektionen in  NRW weiter rückläufig. Nachdem  sie  von 2001 bis 2007 angestiegen war, nimmt sie nun weiterhin ab.

Bis Ende des Jahres 2011 werden sich in NRW voraussichtlich 650 Menschen mit HIV infiziert  haben. Dies teilte das Berliner Robert Koch Institut (RKI) im Vorfeld des Welt-Aids-Tags mit. „Wir freuen uns, dass die statistischen Erhebungen unsere Einschätzung belegt, dass die Präventionsanstrengungen der Aidshilfen und ihrer Partner auf einem guten Weg sind“, sagte Patrik Maas, Landesgeschäftsführer der AIDS-Hilfe NRW. „Der Anstieg in den letzten Jahren ging einher mit dem Ausbau unserer Beratungs- und Testangebote, die gerade von schwulen Männern in Anspruch genommen wurden“, erklärte Maas.

Fast Dreiviertel der Neuinfektionen in NRW (72 %) fallen auf die Gruppe der Männer, die Sex mit Männern (MSM) haben. „Daher wird die AIDS-Hilfe NRW vor allem ihre HerzenslustKampagne fortsetzen, um weiterhin  schwule Männer  zu  befähigen, eigenverantwortlich mit ihrer Sexualität umzugehen“, erläuterte Maas weiter.

Daneben gilt es aber auch, Menschen mit HIV noch besser als bisher zu erreichen. Insgesamt lebten noch nie so viele Menschen mit HIV in Nordrhein-Westfalen wie heute, laut RKI sind es etwa 17.500. Dank neuer Therapien hat sich das Leben von Betroffenen bis heute stark verändert. Doch Stigmatisierung und Diskriminierung sind nach wie vor allgegenwärtig. Darauf macht die aktuelle Welt-AidsTags-Kampagne aufmerksam. HIV-infizierte Menschen tragen als Botschafterinnen und Botschafter auf Plakaten und Flyern das Thema Aids in die Öffentlichkeit und berichten über ihr Leben mit dem Virus.

Die steigende Zahl an Menschen mit HIV (keine Neuinfektionen!) veranlasst die AIDS-Hilfen, zukünftig mehr in die Arbeit mit Positiven und für sie zu investieren. Denn immer mehr Menschen mit HIV benötigen immer mehr Unterstützung und Beratung.

Anlässlich des WAT2011 werden wir jeden Tag ein neues Bild mit der entsprechenden Information posten. Dabei möchten wir darauf aufmerksam machen, dass die HIV-Übertragung oftmals unterschätz – aber ebenso sehr überschätzt wird.

Welt-Aids-Tag 2011 – GAYS.DE trägt die rote Schleife

Positiv zusammen Leben. Aber sicher! – Das Motto zum Welt-Aids-Tag 2011. (GAYS.DE berichtete) Und dennoch ist es für viele mit dem HI-Virus infizierten ein schwerer Schritt offen mit der eigenen Infektion umzugehen. Sich zu outen.

Die Kampagne zum Welt-Aids-Tag 2011 soll den Menschen begreiflich machen, wie schnell wir ver- und vorurteilen, wie schnell durch unser Verhalten Ausgrenzung ausgeübt wird. Und damit genau dem entgegen gewirkt wird, möchten auch wir ein Zeichen setzen und Schleife zeigen!

Zudem werden wir ab sofort täglich im Blog und auf Facebook zum Thema HIV/Aids informieren. Von Hintergrundwissen bis hin zu aktuellen Zahlen und Fakten, aber auch kleine Tipps und Ratschläge für den „Moment“.

Wer schon jetzt selbst ein Zeichen setzen möchte, der kann unseren GAYS.DE Button in sein Profil laden oder auf der Anwendungsseite direkt an sein Profilbild bei Facebook anheften.
Wir freuen uns auf zahlreiche Unterstützer!

 

Anlässlich des WAT2011 werden wir jeden Tag ein neues Bild mit der entsprechenden Information posten. Dabei möchten wir darauf aufmerksam machen, dass die HIV-Übertragung oftmals unterschätz – aber ebenso sehr überschätzt wird.

Positiv zusammen leben. Aber sicher!

Marcel Dams ist einer der Botschafter zum WAT 2011

Marcel Dams ist einer der Botschafter zum WAT 2011

Die heute in Berlin vorgestellte Kampagne zum Welt-Aids-Tag 2011, wirbt für mehr Toleranz und Respekt gegenüber HIV-positiven Menschen. Im Mittelpunkt stehen HIV-positive Menschen, die offen über ihre Erfahrungen mit der HIV-Infektion berichten. Mit Fragen wie “HIV-positiv und Mutter sein?” oder “HIV-positiv und Arbeiten?” stellen sie sich auf Plakaten sowie in einem Kino- und TV-Spot mutig der Öffentlichkeit. Ziel dieser europaweit einzigartigen nationalen Kampagne ist es, Stigmatisierung und Diskriminierung abzubauen und HIV/AIDS innerhalb unserer Gesellschaft zum Thema zu machen. Es ist eine gemeinsame Kampagne des Bundesministeriums für Gesundheit, der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, der Deutschen AIDS-Hilfe und der Deutschen AIDS-Stiftung.

“Eine wesentliche Voraussetzung für erfolgreiche Aidsprävention war und ist ein offener und diskriminierungsfreier Umgang mit HIV-infizierten und an AIDS erkrankten Menschen. Auch deshalb hat Deutschland eine der niedrigsten Neuinfektionsraten Europas. Sie wird auf rund 3.000 Neuinfektionen geschätzt “, erklärte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr anlässlich des Kampagnenstarts. “Mit der Kampagne wollen wir noch immer vorhandene Ängste abbauen. Wichtig ist, dass wir die Menschen weiterhin gut über die Infektion, Übertragungswege und Schutzmöglichkeiten informieren. Denn wer gut informiert ist, kann Gefahren realistisch einschätzen und neigt nicht dazu, Menschen wegen irrationaler Ängste auszugrenzen. Jeder und jede von uns kann etwas tun, um Diskriminierungen abzubauen und Solidarität zu zeigen. Zum Beispiel, indem man als Botschafter für diese Kampagne wirbt, die rote Schleife trägt oder sich ehrenamtlich engagiert. Nicht nur am 1. Dezember, sondern an jedem Tag im Jahr.”

“Der Umgang mit Betroffenen ist in Deutschland auch heute noch längst nicht immer ‚normal’. Zwar hat sich seit Beginn der Aidsaufklärung ein gesellschaftliches Klima gegen Stigmatisierung und Diskriminierung etabliert. Aber immer noch erfahren von HIV betroffene Menschen in ihrem Alltag Diskriminierung und sprechen aus Angst davor nicht über ihre Infektion”, betonte
Prof. Dr. Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. “Mit unserer Kampagne wollen wir Offenheit und Solidarität in der Gesellschaft fördern und Betroffenen Mut machen, ihre Infektion zu thematisieren. Ganz herzlich danke ich daher unseren Botschafterinnen und Botschaftern, die eindrucksvoll von ihren alltäglichen Erfahrungen berichten und so dazu beitragen, dass die Menschen in Deutschland verantwortungsvoll mit dem Thema HIV/AIDS umgehen.”

Derzeit leben in Deutschland nach Schätzungen des RKI rund 70.000 Menschen mit HIV und AIDS. Carsten Schatz, Vorstandsmitglied der Deutschen AIDS-Hilfe erläuterte: “Experten schätzen, dass zwei Drittel der HIV-Infizierten in Deutschland arbeiten. Aber auch heute noch trauen sich viele von ihnen nicht, sich zu outen. Am Arbeitsplatz ist die Angst Betroffener vor Mobbing oder dem Karriereknick besonders groß. Unternehmensleitlinien für den Umgang mit HIV-Positiven wären ein Schlüssel zum respektvollen Umgang miteinander und ein Beitrag zur wirksamen Prävention von Diskriminierung und Stigmatisierung.”

Die Kampagne “Positiv zusammen leben. Aber sicher!” berichtet auf 25.000 Plakaten, in Flyern und auf Postkarten über die Erfahrungen der 12 Botschafterinnen und Botschafter im Familien- und Freundeskreis sowie im Arbeitsleben, über HIV und die Behandlung, über Ausgrenzung, aber auch über Solidarität und Unterstützung. Alle Interessierten sind eingeladen, auf dem Kampagnenportal ihre Meinung zu sagen, mitzudiskutieren und sich über HIV/AIDS zu informieren.

Mehr über das Marcel und sein Leben erfahren.

HIV- und Aidsprävention weiterhin unverzichtbar

Anlässlich des gestrigen Welt-Aids-Tags wurde die AIDS-Hilfe NRW als Gast in den nordrhein-westfälischen Landtag bestellt. Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens begrüßte die  Abordnung und lobte die Verdienste der Aidshilfen in Nordrhein-Westfalen.

„Mit ihrem Engagement seit 25 Jahren hat die Aidshilfe in den Köpfen der Menschen viel bewegt und erreicht – besonders für die Akzeptanz und die Solidarität mit den von HIV und Aids besonders Betroffenen“, erklärte Steffens heute Morgen im Düsseldorfer Landtag.
Die Ministerin und Abgeordnete aller Fraktionen sprachen sich für eine konsequente und engagierte HIV-Prävention und Aidshilfearbeit in NRW aus.
Auf Einladung von Parlamentspräsident Eckhard Uhlenberg präsentierte sich die AIDS-Hilfe NRW auch in diesem Jahr zum Welt-Aids-Tag im Landtag und nutze am Rande der Plenumssitzung die Gelegenheit zu zahlreichen Gesprächen mit Politikerinnen und Politikern.

Ministerin Steffens wies auf die Bedeutung der Präventionsarbeit in den verschiedenen Zielgruppen hin. „Ich sehe die Aidshilfe als eine Art Frühwarnsystem. Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennen die Zielgruppen sehr genau und wissen auch, wie dort effektive Prävention realisiert werden kann“, sagte Steffens. „Obwohl die Zahl der Neuinfektionen gegenüber den Vorjahren leicht gesunken ist, ist eine HIV-Prävention, die sich gezielt an die am meisten gefährdeten Menschen wendet, weiterhin unverzichtbar”, erklärte die Ministerin. „Die AIDS-Hilfe NRW ist dabei eine verlässliche Partnerin und gewährleistet, dass Prävention dort stattfindet, wo sie erforderlich ist.“

Angesichts der niedrigen Zahl an HIV-Neudiagnosen bei Drogen gebrauchenden Menschen in Nordrhein-Westfalen (2010 sind es anteilig 6 %, 1989 waren es noch über 20 %) plädiert der Landesverband für die konsequente Weiterentwicklung des landesweiten Spritzenautomatenprojekts. Klaus-Peter Schäfer, Landesvorsitzender der AIDS-Hilfe NRW, nutzte die Gelegenheit, die Abgeordneten zu motivieren, sich in ihren Wahlkreisen für weitere Standorte der Spritzenautomaten einzusetzen. Einer der neu vom Land NRW finanzierten Automaten stand heute auch im Landtag.

Das Spritzenautomatenprojekt, das nicht nur ein effektiver Baustein der Gesundheitsvorsorge ist, sondern auch für mehr Akzeptanz für Drogen gebrauchende Menschen wirbt, ist ein gutes Beispiel, wie die Aidshilfen in Nordrhein-Westfalen in 25 Jahren zielgruppenspezifische Prävention und gesellschaftliche Diskussion miteinander verbinden: „Mitten im Leben!“, wie auch das Jubiläumsmotto 2010 lautet.

Zurzeit leben in Nordrhein-Westfalen etwa 14 000 Menschen mit HIV, 2010 haben sich etwa 610 Männer und 80 Frauen in NRW neu infiziert. Damit ist die Zahl der Neuinfektionen gegenüber dem vergangenen Jahr leicht zurückgegangen. Männer, die Sex mit Männern haben, stellen nach wie vor die größte Gruppe dar, 2010 waren es 490 (72 %). 150 Menschen (22 %) haben sich über heterosexuelle Kontakte infiziert und etwa 40 Drogen gebrauchende Menschen (6 %). (PM/AH-NRW)

Gegen das Vergessen

„Das Mahnmal „Gegen das Vergessen“ soll daran erinnern, dass HIV mitten in unserer Gesellschaft ist und unabhängig von sexueller Orientierung, Religion oder ethnischer Zugehörigkeit jeden Menschen infizieren kann.“, so die Schwestern des Ordens der Perpetuellen Indulgenz zu Berlin bei der gestrigen Andacht und Einweihung des gleichnamigen Gedenkortes.

Anlässlich des internationalen Welt-Aids-Tages 2010, trafen sich gestern neben den Ordensschwestern und dem Verein berlinpositiv e.V., auch zahlreiche Botschafter des WAT in Berlin Schöneberg um an der Urania die Stele mit der bekannten roten Schleife aufzustellen.

Als Symbol „Geegen das Vergessen“ möchten die Initiatoren auch auf die Menschen aufmerksam machen, die den Kampf gegen HIV und AIDS , HEP C und anderen ansteckenden Krankheiten in der Vergangenheit verloren haben.
Der Verein berlinpositiv e.V. wird zudem die dauerhafte Pflege der Gedenkstädte übernehmen, denn nichts ist schlimmer als das Vergessen!

Im Anschluss an die feierliche Einweihung, wurde im Axel Hotel Berlin weiter zelebriert. Unter musikalischer Begleitung von Holger Edmaier, konnten sich die Gäste bei Glühwein und Kleinigkeiten aufwärmen und sich mit Freunden, Künstlern, Initiatoren und Politikern zu den aktuellen Themen zum Welt-Aids-Tages austauschen.